Das neueste Exemplar wiegt 3,1 Kilo, aber auch andere Lebendgewichte der letzten Monate können sich sehen und dürfen sich stemmen lassen: 2,3 Kilo, 2,2 Kilo, 2,1 Kilo.

Die Rede ist nicht von Ferkeln oder Mastenten, sondern von Kunstkatalogen, und die Rede war, in der Reihenfolge der Gewichte, von "Der Futurismus und die Futurismen" (zur Ausstellung in Venedig), "Die Maler und das Theater im 20. Jahrhundert" (Frankfurt), "Deutsche Kunst 1945-1985" (Berlin) und "Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert" (London, Stuttgart).

Angesichts dieser Übergewichte und Telephonbuchformate stellt sich allmählich nicht nur die Frage, wer denn das bezahlen, sondern auch, wer das tragen soll – die Frage, wer das denn noch alles lesen soll, scheint sowieso niemanden zu interessieren.

Ausstellungskataloge, so könnte man mal versuchsweise definieren, sind Publikationen, die eine Ausstellung dokumentieren und begleiten: mit einem präzisen Verzeichnis der gezeigten Werke und Abbildungen, mit diesem oder jenem Aufsatz zum Thema, zur Person des Künstlers oder der Künstler. Daß es so einmal war, sieht der, der schon länger Ausstellungen besucht oder in einer Bibliothek die Publikationen von vor zwanzig Jahren aus dem Bord zieht: schmale Bände, handlich und in jeder Beziehung für den Menschen in seiner Rolle als Ausstellungsbesucher geeignet, dabei wissenschaftlich so qualifiziert oder auch nicht wie die Produkte von heute. In England kann man solche lesbaren und tragbaren Kataloge auch heute noch finden.

Bei uns jedoch grassiert die katalogische Großmannssucht. Kleine Ausstellungen blasen sich auf mit großgedrucktem Begleitmaterial, Künstler plaudern in sogenannten Interviews ungezwungen authentisch Banales mit einem Freund. In der Künstlerbiographie dürfen wir lesen, daß der Meister in Köln, New York, Nantucket und Montepulciano lebt (gute Reise!). Die großen Ausstellungen aber empfehlen sich schlicht durch begleitende Enzyklopädien: wenn schon die Kunst der deutschen Nachkriegszeit, dann bitte 732 Seiten dick und lang.

Wem nutzt das? Ein wenig den Katalogautoren, die gern über das gestellte Thema hinausschießen und mit einem Rattenschwanz von Fußnoten und Zitaten auf die eigene Gelehrsamkeit hinweisen möchten. Und natürlich den Ausstellungshäusern, für die Kataloge als Trophäen zurückbleiben, wenn die Ausstellung längst vergessen ist (und das böse Kritikergeschreibe auch). Für die Nachfahren übrigens bleibt dann oft ein glänzenderes Bild als die Realität es je hergab, denn gern werden im Katalog Kunstwerke gezeigt, die in der Ausstellung nie zu sehen waren.

Das Kataloggeschäft blüht – um das zu sehen, braucht man nur in eine Kunstbuchhandlung zu gehen, wo die Ware zu Stolpersteinen gestapelt ist. Wurden früher die Kataloge von Museen oder Kunstvereinen gemeinsam mit irgendeiner heimischen Druckerei gemacht, so gibt es seit einigen Jahren Verlage, die nur zu dem Zwecke der Katalogproduktion gegründet wurden. Und der neue Prospekt des Münchner Prestel Verlags, der früher vor allem durch seine kunsthistorischen Untersuchungen und die Reihe der Landschaftsbücher auf sich aufmerksam machte, zeigt in der ersten Hälfte fast ausschließlich die Kataloge kommender Ausstellungen an. Daß Prestel auch internationaler Co-Produzent geworden ist und den Katalog für die New Yorker Primitivismus-Ausstellung genauso gedruckt hat, wie er den für die große Skulptur-Ausstellung in Paris mitproduzieren wird, ist ehrenhaft. Und bei demjenigen, der die weite Reise zu einer Ausstellung nicht antreten kann oder mag, ist der Katalog-Boom gewiß und zu Recht willkommen. Daß die Kataloge aber, deren Produktion immer unter dem Druck eines Eröffnungsdatums steht, die kunsthistorische Arbeit, die sich nicht am Ausstellungskalender orientiert, in den Verlagen in den Hintergrund drängen, ist nicht gut.