Von Gerd Bucerius

Bevor 1943 der Verlagsteil der Firma Bertelsmann in Gütersloh von den Nazis verboten und gerade noch 1945 die Druckerei ausgebombt wurde, setzte Bertelsmann (Inhaber: Familie Mohn) mit 400 Mitarbeitern acht Millionen Reichsmark um (1942). Verdient wurde eben das Gehalt der Mitarbeiter und der Inhaber. 1945 waren es gerade noch 200 Mitarbeiter und 700 000 Reichsmark Umsatz. Dagegen die Bilanz 1984/85: Konzernumsatz 7,5 Milliarden Mark (ausgeschrieben: 7 500 000 000). Im Gewerbe rechnet man mit einem Gewinn vor Steuern von acht Prozent des Umsatzes. Am Konzern sind Dritte beteiligt. Beispiel: Von der Tochter Gruner + Jahr gehören 74,9 Prozent Bertelsmann; John Jahr besitzt 25,1 Prozent. Ihm steht daher ein Viertel des Gruner + Jahr-Gewinns zu. Insgesamt gehört ein Drittel des Bertelsmann-Konzerngewinns solchen Partnern.

Anfangs beäugten Presse und Öffentlichkeit das Haus Bertelsmann zurückhaltend, eher kritisch. Buchclubs waren nicht "in". Bei etwa fünf Milliarden Mark Umsatz ist die Presse aufgewacht – und hat das "Scheitern" befürchtet (so die ZEIT). Das wäre schlimm für (heute) 31 835 Mitarbeiter mit Löhnen, Gehältern und freiwilligen sozialen Leistungen von fast zwei Milliarden Mark.

Der Sprung vom Verleger kirchlicher (evangelischer) und braver politischer Literatur in das große Unternehmertum war unfreiwillig. Der nach dem Kriege wieder aufgebaute Verlag hatte – wie viele Verlage – seine Bücher dem Buchhandel mit vollem Rückgaberecht geliefert. Die Buchhändler konnten also nicht verkaufte Stücke einfach zurückgeben. Plötzlich schickten die Buchhändler fast eine ganze Jahresproduktion zurück; statt Geld bekam Bertelsmann wertloses bedrucktes Papier. Der Verlag mußte versuchen, die Leser und Buchkäufer direkt zu erreichen. Nun gab es Clubs genug. Gebraucht wurde eine neue Idee: Mohn beteiligte die Buchhändler an der Werbung für den Club und räumte ihnen Kontrolle und Mitspracherechte ein: Man baute den Club gemeinsam auf. Das schlug ein, man hatte zugleich eine Schwelle überwunden. Die Buchhändler sahen Bertelsmann nicht mehr als Konkurrenz, sondern verteidigten Gütersloh in der Öffentlichkeit. – Wahrlich eine Königs-Idee!

Eine weitere neue Königs-Idee: Manche Club-Mitglieder versäumten, aus den dicken Katalogen ein Buch zu suchen oder wußten – ungeübt – mit dem Instrument nicht umzugehen. So wurde der Hauptvorschlagsband erfunden: Wer nicht bestellte, bekam ein vom Club ausgesuchtes Buch. Man kann sich die Qual der Lektoren denken: Schickt man Hesses "Glasperlenspiel" oder den neuen Will(i) Heinrich?

Mohn lag am häufigen Kontakt mit dem Leser. Deshalb fütterte man die Club-Mitglieder durch permanente Ansprache und fesselnde Kataloge. So wurde Bertelsmann der mit Abstand größte Buchclub der Welt. Bestand 1951: Inland 52 000 Mitglieder (Ausland: noch keine). 1985: Inland 4 691 000, Ausland: 12 971 000 – insgesamt also 17 662 000 Mitglieder. Die Bertelsmann-Auslandsclubs verdienen Millionen für die deutsche Zahlungsbilanz. – Heute setzt Bertelsmann im Ausland mehr um als in der Bundesrepublik – und verdient dort mehr, zur Freude der Bundesbank.

Unstreitig: In der Bundesrepublik lahmt das Buchclubgeschäft. Warum, weiß so recht keiner. Von Zuwachsraten spricht kein Club mehr – und die brächten das Geld: Denn mit demselben Apparat, also zu denselben Kosten, wären höhere Umsätze zu machen. Da sind sie auch sofort wieder, die mit traurigem Gesicht, aber heimlicher Freude feststellen, wie schwer es Bertelsmann hat: Die Buchclubs, nicht wahr, sind ja die Quelle des Reichtums in Gütersloh. Diese Leute vergessen aber, daß Mohn sich entschlossen hat (als das noch schwer und teuer war), die deutschen Club-Erfahrungen im Ausland auszuwerten. Renommierstück heute: der französische Club France Loisirs, gegründet 1970. Bertelsmann hält 50 Prozent und fährt das Unternehmen. Mitgliederzahl heute: 4,3 Millionen. France Loisirs lieferte 1984/85 die Hälfte des Gewinns mit 41 Millionen Mark nach Steuern an Gütersloh ab; Tendenz steigend.