Noch sieht es in der Fasanenstraße 23, im alten Stadtpalais, im Vorgarten und in dem sich zu einem kleinen Park weitenden Hinterhof so aus, wie Karl Scheffler die Ausdehnung Berlins nach Westen vor hundert Jahren beschrieben hat:

"Die heißen Sommertage waren erfüllt von Baulärm und Räderknarren, von Ziegelstaub und Mörtelgeruch ... Allsommerlich wuchs Berlin um viele Kilometer neuer Straßen mit hohen Zinshäusern. Um 1890 war die Stadt im Westen am Nollendorfplatz zu Ende ... Vom Nollendorfplatz fuhr eine Dampfstraßenbahn nach Halensee über den noch fast unbebauten Kurfürstendamm .. ."

Und wenn sich Herr Diepgen auf dem Parkett der umgebauten Villa staubige Schuhe holen sollte: Am Sonntag, 29. Juni, um 11 Uhr, wird der Regierende Bürgermeister das "Literaturhaus Berlin" eröffnen. Berlin wird dann nicht nur ein schönes altes Haus gerettet haben, sondern in der Nähe des Kurfürstendamms, zusammen mit den ebenfalls renovierten Nachbarhäusern Villa Grisebach und Kollwitz-Museum (ZEIT vom 13. Juni) und dem alle drei Häuser verbindenden kleinen Skulpturengarten, ein Kulturzentrum in der Stadtmitte mehr haben.

Vor allem aber kann die Stadt sich rühmen, neben der üppigen Forderung von Oper und Theater die Literatur nicht mehr als Stiefkind zu behandeln: In jahrelanger, oft knirschender Zusammenarbeit von Senat, Schriftstellervereinigungen, Literaturzirkeln und freien Gruppen ist an der Fasanenstraße 23 mit dem "Literaturhaus" ein nachahmenswertes Modell der Literaturförderung entstanden, bei der Staat und private Initiativen neue Wege gehen. Der Senat, der das ur.ter Denkmalschutz stehende Haus für Millionen Mark umgebaut hat, fördert das Unternehmen jährlich mit rund 600 000 Mark, mischt sich aber weder in das Programm noch in die Verteilung dieser Subvention ein. Ein aus 14 Vereinigungen und Verbänden bestehender "Trägerverein", in dem der Schriftstellerverband (VS) und die Berliner Buchhändler- und Verlegervereinigung (BVB) so gut vertreten sind wie das "Literarische Colloquium Berlin" (LCB) oder die "Neue Gesellschaft für Literatur" (NGL), wird das Literaturhaus in eigener Verantwortung führen. In solcher Größe ist das Berliner Projekt neu, und es übertrifft alle bisher entstandenen Literaten-Häuser (etwa in Stuttgart), nicht nur an Volumen (Kino-, Dia-, Hörspiel-Vorführungen), sondern vor allem in der Intention: Forum für alle Literatur-Gruppen einer großen Stadt zu sein.

Unbekümmert um Farbflecke, die er sich an den noch überall herumstehenden Leitern und Maler-Werkzeugen holt, führt der Schriftsteller und Literaturkritiker Herbert Wiesner, der das Haus, zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Sissi Tax als seiner Stellvertreterin, leiten wird, durch sein neues Domizil. Ein Raum im Parterre bietet 80 Besuchern Platz. Im ersten Stock ist ein großer Saal, für den die Feuerpolizei gerade 99 Gäste erlaubt. öffnet man große Türen und setzt einen Vortragenden ins Zentrum des rechten Winkels, dann können noch einmal 30 bis 40 Zuhörer aus einem Nebenraum einer Lesung lauschen.

Unter dem Dach: zwei kleine Ein-Zimmer-Appartements, in denen Autoren übernachten können, und ein mit Schreibmaschine, Telephon und Kopiergerät ausgestatteter Arbeitsraum. Ein Tucholsky-Zimmer, eingerichtet mit den Möbeln aus der letzten Wohnung des Autors im schwedischen Exil, soll weniger Gedenkals Arbeits-Raum sein. Fritz J. Raddatz, der eine Tucholsky-Bibliothek aus Erstausgaben gestiftet hat, wird diesen Raum einweihen mit einer Rede über Tucholskys "Berlinische Melancholie".

Im Hauptgeschoß, das sich zum Garten in den Glaspavillon eines Wintergartens öffnet, wird ein Café von morgens bis mitternachts geöffnet sein. Pächterin ist die ehemalige Schauspielerin und Inhaberin des "Schwarzen Cafés" in der Kantstraße, Charlotte Matthiesen. Im Souterrain wird in drei Räumen, von denen einer Ausblick auf den Garten erlaubt, eine Buchhandlung eröffnet. Sabine Appel, die ihre zweihundert Meter entfernte Buchhandlung "Leonce, Lenz & Lena" in kurzer Zeit zu einer Fundgrube für Literaturfreunde gemacht hat, die dort auch fremdsprachige Literatur, Theater- und Film-Bücher sowie Bildbände kaufen können, wird die Buchhandlung im Literaturhaus als Filiale führen. Ein Lichtkünstler aus Düsseldorf, der schon die Stammbuchhandlung in der Fasanenstraße 41 hell und weit gemacht hat, wird aus der Filiale alle Düsternis vertreiben, die einem Laden drohen könnte, zu dem man ein paar Stufen hinabsteigen muß – ohne zu ahnen, daß der hintere Raum, ein Gartensaal, Licht und Natur in die Bücherstube holt. Im vorderen Raum soll es auch Ausstellungen geben – zur Eröffnung kann man Zeichnungen und Entwürfe des Bühnenbildners (vor allem der Berliner Schaubühne) Karl-Ernst Herrmann sehen, so das mit Wasser gefüllte Bühnenbild-Modell zu Luc Bondys Inszenierung von Marivaux’ "Triumph der Liebe".