Von Martin Tschechne

Einmal, zu seinem 100. Geburtstag im Jahre 1971, habe zur Diskussion gestanden, ein Institut nach ihrem Vater zu benennen, so erzählt Eva Michaelis-Stern, die Tochter des 1938 verstorbenen Psychologen William Stern. Aber dann sei doch nichts daraus geworden; die Philosophen und die Psychologen an der Universität Hamburg hätten sich nicht darauf einigen können, wem von ihnen der Name des vielseitigen Wissenschaftlers gebühre.

Jetzt verlieh die Tochter einer Einrichtung den so begehrten Titel, die die Arbeit ihres Vaters aufgreift und fortführt: Eine "Arbeitsgruppe zur Begabungsforschung und Begabtenförderung", gegründet und geleitet von William Stern, gab es am Psychologischen Institut der Hamburger Universität schon in den zwanziger Jahren, doch mit der Vertreibung des Wissenschaftlers durch die Nationalsozialisten endete auch die Arbeit dieser Projektgruppe.

Neu aufgenommen – und inzwischen erweitert um eine Beratungsstelle für hochbegabte Kinder – wurde sie erst, als sich im vergangenen August über 2000 Begabungsforscher aus aller Welt in Hamburg zu ihrer 6. Weltkonferenz trafen. Die wenigsten kamen aus der Bundesrepublik – offensichtlich hatten die Nazis mit ihrer Vertreibung des Psychologen und der Verbrennung seiner Bücher Erfolg: Auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches blieb der Name William Stern weithin vergessen. Zwar erlebten seine Arbeiten zur Sprach-Entwicklung bei Kindern in jüngster Zeit in den USA einen späten Aufschwung, und in Israel, wo Eva Michaelis-Stern bis vor zwei Jahren in der Behinderten-Pädagogik arbeitete, seine Arbeiten zur Begabungsforschung – aber in der Heimat-Universität gab es bis zur Gründung der "William-Stern-Gesellschaft" nicht viel mehr als eine Bronze-Büste, an der die Studenten achtlos vorübergingen.

Selbst die Bücher William Sterns aus der Universitäts-Bibliothek scheinen ein für allemal verschwunden. Bei der Behebung dieses Mangels mitzuhelfen versprach die Tochter bei ihrem Besuch in Hamburg, und sie erinnerte sich – aus Anlaß der Namensverleihung – an ihre Kindheit im Hause des Wissenschaftlers:

"Wo immer wir wohnten", so erzählt sie, "das Arbeitszimmer mußte doppelte Türen haben, damit Vater nicht vom Lärm der Kinder gestört wurde." Dabei waren es gerade seine drei Kinder Hilde, Günther und Eva, die William Stern und seiner Frau Clara als Anschauung dienten, als Beobachtungsobjekte und als Quellen für die Formulierung wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Entwicklung von Intelligenz, Sprache und Moral.

Über Jahre hinweg hatte das Psychologen-Ehepaar jede Äußerung seiner Kinder aufgeschrieben, hatte jeden Streit festgehalten und jedes Erlebnis beim Spielen, hatte erstes Gestammel notiert, mühsame Wort-Reihungen – bis hin zu vollständigen Sätzen und abstrakten Begriffen.