Da keiner in Kalkar mit den Genehmigungen vor der Bundestagswahl im Januar kommenden Jahres rechnet, werden die Restarbeiten am Brüter gestreckt. Werkverträge mit Bau- und Planungsfirmen, die zum 30. Juni auslaufen, bleiben unverlängert. Die eigene Belegschaft wird ebenfalls reduziert; von den rund 270 Mitarbeitern müssen mindestens zwanzig in der nahen Zukunft mit dem blauen Brief rechnen.

"Das sorgt natürlich für Unruhe", klagt Manfred Hoppmann, Reaktorfahrer und Betriebsrat in Kalkar. Er und seine Kollegen sind nach Kalkar gekommen, weil sie sich sichere Arbeitsplätze erhofft haben. Karl Haskes, Meister in der Instandhaltung: "Ich habe früher in Krefeld in der Textilindustrie gearbeitet. Da bin ich weggegangen, weil mir das zu unsicher wurde. Jetzt stehe ich vor den gleichen Problemen."

Haskes und Hoppmann haben keine Zweifel an der Sicherheit des Reaktors – Haskes: "Wir sind doch keine Selbstmörder" –, sie zweifeln an der Sozialdemokratie. Gemeinsam mit der Betriebsleitung kämpfen sie für "ihren" Brüter. "Das sieht zwar ein bißchen merkwürdig aus, aber es entspricht unserer Interessenlage", erklärt Manfred Hoppmann. Klar, daß den Betriebsrat in erster Linie die Arbeitsplätze interessieren.

Die zahlreichen Gegner des Projektes auf der grünen Wiese am Niederrhein könnten in dieser Situation eigentlich aufatmen. Da ist der Brüter fast fertig, da sind knapp 6,5 Milliarden Mark verbaut und genau in dem Moment scheinen die Politiker umzudenken. Wie Friedhelm Farthmann zum Beispiel, der jetzige Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Düsseldorfer Landtag. Als er Arbeits- und Sozialminister war, hat er oft Unterschriften gegeben und weite Teile der Anlage genehmigt; heute spricht er nur noch von dem "Höllenfeuer" in Kalkar, das nie entfacht werden dürfe. "Wir haben uns geirrt und die Gefahren unterschätzt", gibt er inzwischen zu. Doch die geborenen Atomkritiker sind skeptisch. "Der Brüter stirbt schon seit Jahren", erzählt Willibald Kunig, einer von drei grünen Ratsherren in Kalkar, "und wurde immer weiter gebaut."

Der SPD traut Kunig auch nicht. War in den ersten Tagen nach Tschernobyl zum Beispiel viel von Ausstieg die Rede, so heißt das heute bei dem Kanzlerkandidaten Johannes Rau eher "Umstieg" oder "Umsteuern" und der Zeitpunkt bleibt unklar. "Die feinen Wortspielereien halten alle Möglichkeiten offen", befürchtet Kunig. Er ist fest entschlossen, sofort gegen die nächste Genehmigung aus Düsseldorf zu klagen.

"Nach Recht und Gesetz"

Die Brüter-Gegner spüren seit Tschernobyl erheblichen Zulauf auch direkt aus der Region. Fronleichnam, so berichten sie stolz, seien spontan fünftausend Menschen zum Reaktorgelände gezogen. "Keiner hat mit einer solchen Zahl gerechnet", berichtet Kunig. Vor allem aber, und das hält der grüne Ratsherr für noch wichtiger, mehr als die Hälfte der Protestler seien Leute gewesen, die nie zuvor in ihrem Leben demonstriert hätten.