Kein Deich, vor dem nicht dieser Flachs blüht: Die Kälber und Schafe würden auf die Salzwiesen getrieben, weil so der Braten bereits gewürzt zum Metzger käme, verteilen die Friesen ihren nichtsahnenden Ferienbesuchern. Bei diesem Wissensstand bleibt es meist, wenn die Sommerfrischler wieder von der Küste abreisen. Nicht so jedoch, wenn die "Pensionsgäste" mit Gerjet Meyenburg über Greetsiels Salzwiesen gebummelt sind. Der Lehrer, der ansonsten den Blondköpfen in der Realschule von Pewsum die Gesetze der Physik und Biologie verklart, lehrt seine Touristen, die kleine Wunderwelt vor dem Deich zu erkennen.

Mit didaktischem Talent erklärt der Pädagoge seinen Marschgefährten schon oben auf der Deichkrone, was eine Salzwiese ist: Weideland, das zwar bei den Tagesfluten nicht mehr überschwemmt wird, aber bei Hochfluten, wenn die Nordsee bis an den Deichfuß schwappt. Natürlich sickert das Salzwasser ein und: prägt die Vegetation. Für Jungtiere sind die salzhaltigen Pflanzen ein ideales Futter, da die vom Meer herangetragenen Mineralien aufbauende Wirkung haben.

Was Kälbern und Lämmern recht ist, ist Rotschenkeln, Lachmöwen, Austernfischern und Säbelschnäblern billig. Das Deichvorland ist ihr Nestgebiet, insbesondere, seit ihr Revier unter Naturschutz steht. "Jetzt haben wir hier die größte Kolonie der Säbelschnäbler in Europa", merkt Meyenburg beiläufig und dennoch stolz an.

Doch der Lehrer spricht nicht nur über die Piepmätze, die vor der photogenen Kulisse der heimkehrenden Krabbenboote im Schlick picken. Meyenburg erzählt auch, daß die Fahrrinne für die Kutter jetzt schon alle zwei Jahre ausgebaggert werden muß. Dieses Übel soll bis 1990 ein neuer Kanal beseitigen, der quer durch die Salzwiesen gezogen wird. Eine weitgestreckte Landzunge ins Watt hinaus ist dann notwendig, um die Kanalmündung frei vom Schlick des Watts zu halten. Aber ist auch der Sandstrand notwendig, den die Gemeindeväter im Schutz der Landzunge aufschütten wollen? Dem Greetsieler Pädagogen ist sichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, daß im nächsten Jahrzehnt Hunderte von Badegästen in den Wattfrieden eindringen.

Sie sind nicht die ersten Eindringlinge in der Leybucht, das zeigt der Blick hinaus auf See. Wie eine Grabburg liegt dort im schimmernden Dunst über dem Meer die Gasbohrstation auf ihrer künstlichen Insel. Dort muß die Nordsee mit ihren Bodenschätzen begleichen, was sie den Friesen 1374 an Schätzen geraubt hat. Damals riß eine gewaltige Sturmflut das Land hinweg und schuf erst die Leybucht. Drei Viertel des Landes haben die Deichbauer der See seither wieder weggenommen. Im Hinterland ragen die alten Deiche wie Jahresringe einer Landschaft auf. Nun ist Schluß mit der Polaerei. Der Rest bleibt See und Salzwiese.

Kommen Sie, jetzt zeige ich Ihnen einen meiner Lieblingsplätze in Ostfriesland", sagt Monika van Lengen und geht mit mir an der Häuptlingsburg in Groothusen vorbei auf ein Gehölz zu. "Und jetzt schauen Sie nach links." Am Ende einer hohen, wildbewachsenen Lindenallee steht ein flötenspielender Pan, eine dunkle Gestalt, unwirklich kontrastiert vom hellen Licht des dahinterliegenden offenen Landes. Einer der Burgbesitzer wünschte sich eine prächtige Auffahrt, wie viele seiner Standesgenossen im 17./18. Jahrhundert. Doch die Bauern in der Nachbarschaft gaben ihren Grund und Boden dafür nicht her. Deshalb ließ er die Allee kurzerhand an der Burg vorbei anlegen statt darauf zu.

Monika van Lengen führt kunsthistorisch interessierte Urlauber auf Rundkurs durch die Krummhörn, zu Kirchen und Burgen, zu "Friesischer Freiheit und Häuptlingsherrlichkeit". Geboren in München und in Hannover aufgewachsen, lebt und arbeitet sie jetzt in Aurich, verheiratet mit einem Ostfriesen aus alteingesessener Familie. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben und liebt das platte Land und seine Menschen, besonders aber die hochaufgetürmten Wattewolken über den grünen Feldern und Wiesen.