Dodos Sarkophag will die gelernte Bibliothekarin mir in Jennelt zeigen. Der kostbar verzierte Zinnsarg ist in diesem Sommer erstmals in ihrem Programm, nachdem er mit viel Geduld restauriert wurde. Die Neu-Friesin macht mich hier auf die Normannentür aufmerksam, die an der Südmauer der Kirche zu erkennen ist, obwohl der Kirchhof im Laufe der Jahrhunderte in die Höhe wuchs und jetzt den ehemaligen Eingang schon fast ganz bedeckt. Für diese Besonderheit hat sie ein Histörchen parat: Die Normannen ließen diesen Südeingang besonders niedrig mauern, damit die freiheitsliebenden Ostfriesen sich beim Kirchgang immer nach Norden hin verneigen mußten.

Das Museum in Pewsum ist am Nachmittag schon geschlossen. Der Schlüssel muß beschafft werden. "Moin, moin," grüßt man im Rathaus, wo wir nach dem Herrn fragen sollen, der den Schlüssel verwahrt. Wieso "moin" am späten Nachmittag? Das sagen wir Hamburger nur morgens. "Es bedeutet nicht guten Morgen", klärt Monika van Lengen mich schmunzelnd auf. "Das ist die Abkürzung von moin dag – schöner Tag auf ostfriesisch." Nach dem Museumsbesuch weiß ich endlich auch, daß Elisabeth von England, Beatrix der Niederlande und Karl Gustav von Schweden mit dem Häuptlingsgeschlecht der Cirksena, den ehemaligen Burgbesitzern, verwandt sind, jedenfalls wird es schwarz auf weiß auf einer Stammbaumtafel nachgewiesen.

Leider reichen die wenigen Rundfahrt-Stunden nicht aus, um alles über die freien Friesen und ihre Häuptlinge zu erzählen, über die Kirche in Grimersum, die einst auch als Seezeichen diente, über den Kampf gegen Normannen und Wind und Wasser. Weitaus mehr wüßte meine Begleiterin über die Kirche in Marienhafe, in der Störtebeker seinen Piratenschatz gehortet haben soll.

Warum die Kühe von Bauer Hans-Jürgen Kummer aus Uttum sich jeden Abend so aufs Melken freuen? Weil sie dann Karussell fahren dürfen. Melkkarussell natürlich, Greetsiels einziges: eine rotierende Scheibe und drumherum Boxen mit automatischen Melkvorrichtungen. Jeweils acht Kühe können gemeinsam eine Runde drehen.

Landwirte in Ostfriesland sind gar nicht viel anders als die in Oberbayern. Melken, dreschen und pflügen müssen sie auch im Norden, für ihr Einkommen in der Zukunft sehen sie – bis auf einige wenige große Höfe – schwarz, und den Kiechle mag an der Nordsee auch keiner. Die Brüsseler Getreidepreissenkungen lassen selbst einen gewöhnlich wortkargen Ostfriesen kräftig fluchen. Auf platt natürlich.

Was anders ist? Nun, daß es hier oben flunderflach ist, wissen selbst die da unten im Süden.

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