Daß allerdings vor gar nicht langer Zeit einmal Fische schwammen, wo sich jetzt kilometerweit satter Marschboden erstreckt, ist beim Anblick des tiefen Grüns kaum vorstellbar. Polder heißt das fruchtbare Land, das einst Meer war und heute der Landwirtschaft dient.

Viele der Höfe am Leybuchtpolder nordöstlich von Greetsiel gehören heute Ostfriesen, die sich vormals Schlesier, Pommern und Ostpreußen nannten, nach dem Zweiten Weltkrieg hier angesiedelt wurden und ein Haus und einige Hektar Land bekamen. Links und rechts von schnurgeraden Straßen reiht sich ein kleiner roter Ziegelhof an den nächsten: ostfriesische Vorstadt.

Auch Helmut Jäkel ist aus Schlesien gekommen, fünfzehn war er damals. Sein Lebenszweck ist das Borstenvieh. Einen ganzen Stall voller quiekender rosiger Ferkel hat er, was in den Sommerferien die Ruhrgebietskinder in fassungsloses Entzücken versetzt. Obwohl er von dem niedrigeren Getreidepreis nicht betroffen ist, schaut auch Bauer Jäkel sorgenvoll in die Zukunft: Die Fleischpreise sinken ebenfalls. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sieht er es, daß sein Sohn unbedingt den Hof übernehmen möchte. Sicher ist er nicht, daß der Hof noch seine Enkel ernähren wird.

Diese trüben Gedanken hegt Gerhard Herlyn aus Grimersum nicht. Zwar baut auch er den eiweißhaltigen Qualitätsweizen an, der auf dem satten Marschboden so gut gedeiht, aber hauptsächlich züchtet er Kühe. Hochleistungskühe. Damit die Kühe mehr Milch geben, bedient er sich schon einmal solcher Dinge wie Embryonentransfer. Der Embryo einer milchstarken Kuh wird dabei in eine weniger wertvolle Artgenossin übertragen. Wenn dann im Sommer die Urlauber bei ihm hereinschauen, versucht er ihnen zu erklären, daß auch in der Zeit der Milchseen und Butterberge seine Superkühe eine Marktlücke füllen.

Von Embryonentransfer wollen die landsüchtigen Städter allerdings wenig wissen. Sie ersehnen blökende Schäfchen und putzige Ponys. Dann mischt Rolf Dieken, wie er verschämt zugibt, schon einmal die Enten unter seine freilaufenden Hühnerhorden, was besonders niedlich ausschaut. Mit den Hühnern hat er überhaupt so seine Probleme: Das Privileg verschmähend, nach Herzenslust draußen im Mist scharren zu dürfen, bleiben sie als gefiederte Stubenhocker lieber im Stall und träumen von der Legebatterie.

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Een Fiskermann over’t Fiskereij" – hinter diesem Programmpunkt des stattlichen Greetsieler Veranstaltungskalenders verbirgt sich einer, der vom Fach ist, der vierzig Jahre auf See sein Brot verdient hat. Gerd Oltmanns ist Krabbenfischer im Ruhestand. Daß er nun zwar nicht mehr mit dem Kutter hinausfährt, um die ostfriesischen Fanggründe abzufischen, jedoch trotzdem noch eine Menge zu sagen hat, hat im letzten Jahr auch der Fremdenverkehrsverein erkannt. Nun bringt der kernige Ex-Seemann seine Erfahrung nicht mehr auf der Nordsee an den Mann, sondern im Hafen an die Feriengäste. Die zeigten sich in der vergangenen Saison derart interessiert an der friesischen Fischerromantik, daß auch in diesem Sommer die touristischen Fanggründe für Gerd Oltmanns wohl wieder reichhaltig sein werden.