Durch das ganze schwedische Reich sind nun gemachte Wege; die Städte, besonders Stokholm, haben regelmäßige Gassen und Strassen, und wer ein Haus bauen will, muß sich vorher bey der Baudeputation melden. Das sollt auch bey uns so seyn; so würden unsre Häuser weit mehr Regelmäßigkeit, Schönheit und Dauerhaftigkeit haben, und unsre Gassen und Strassen würden unserm Blicke eine angenehmen und frölichere Aussicht geben. So lang es aber jedem geschmacklosen Bürger erlaubt ist, nach seiner armseeligen Phantasie ein Kartenhäuschen hinzutändeln, so lange werden noch unsre Städte ein sehr widerliches Aussehen haben. Kann was Lächerlichers seyn, als hier ein Kolossengebäude, gleich dran ein Schneckenhaus; dann wieder ein Felsenstück mit’m unmäßigen Dachstuhl, daß es aussieht, wie ein Zwerg in’m Preußischen Hut gleich drauf wieder ein Häuslein, lieblich bemalt, wie Marzipan; und dieß alles ohne Ebenmaß, ohne Ordnung, ohne Plan!

Christian Friedrich Daniel Schubert. Deutsche Chronik, 38tes Stück, den 11. May, 1775

Geschlossen

Tradition ist Mangelware in unserer Republik. Sie wird ja auch an keiner Börse gehandelt. Als im Frühjahr Deutschlands ältester Montankonzern, die Gutehoffnungshütte (GHN) in Oberhausen, wegen der Umstrukturierung bei MAN ihren Namen aufgab, war es ein wirtschaftlich wohlüberlegter Abschied ohne Tränen. Doch nun will der Konzern ohne Not eine andere Qualitätsmarke abschaffen, die gleichfalls Weltruf genießt: Am Monatsende wird das Historische Archiv der Gutehoffnungshütte geschlossen, sein Leiter, Bodo Herzog, vorzeitig in Pension gehen. Namhafte Historiker in England, Amerika und der Bundesrepublik sind entsetzt. Dieses einzigartige Firmenarchiv war 1937 gegründet worden, nicht zuletzt, um von der Gestapo verfolgten Wissenschaftlern und Archivaren Unterschlupf zu bieten. Es entstand eine Quellensammlung, die für die Erforschung der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit von unschätzbarem Wert ist. Große Geschichtswerke angelsächsischer Gelehrter beruhen auf diesen Unterlagen. Archivleiter Herzog hat in den vergangenen dreißig Jahren allein 150 Dissertationen betreut. Die Gutehoffnungshütte, ihrer historischen Verantwortung bewußt, hatte auch den umfangreichen Nachlaß des Firmenchefs Paul Reusch den Wissenschaftlern zugänglich gemacht. Soll diese liberale Tradition nun einfach abgeschnitten werden? Hat keiner der Konzernherrn darüber nachgedacht, wie man das Archiv weiterführen und der zeitgeschichtlichen Forschung erhalten könnte? Was dabei auf dem Spiel steht, ist – so der Bochumer Historiker Hans Mommsen – auch "die nationale Selbstachtung".

Gelungen

Als der Clown starb, fragte sich Frankreich, ob es trauern dürfe. Die Nachricht vom tödlichen Motorradunfall Coluches – seine Bewunderer sehen ihn als den Rabelais unseres Jahrhunderts – bestürzt die Franzosen. Aber es schien, als ob ihnen der respektlose Komiker über den Tod hinaus sein Gesetz aufzwinge, Sie wußten, daß sich Coluche über jeden Nachruf lustig gemacht, aus jedem die Vorlage zu einer seiner vulgären und genialen Possen gezogen hätte. Deshalb beschlossen die Zeitungen einmütig, so fröhlich wie möglich zu trauern – alle Blätter, außer dem erzkonservativen Figaro. Der hielt sich nicht an das de mortibus nihil nisi bene und zog den toten – wie ehedem den lebendigen – Coluche in den Dreck. Auf der ersten Seite veröffentlichte das Blatt einen Leitartikel – der Titel sprach von der "Fäulnis", die Leute wie Coluche umgebe. Eine gelungene "Würdigung", die ihm sicher Spaß gemacht hätte.

Geirrt

In der "Toulouse-Lautrec" betitelten Rezension von Werner Hofmann (DIE ZEIT, Nr. 25, Seite 52) war ein falscher Buchtitel in die bibliographische Angabe geraten. Hofmanns enthusiastische Rezension galt dem vom Wolfgang Wittrock edierten Œuvrekatalog der Graphik: "Toulouse-Lautrec. Complete Prints"; Verlag Philip Wilson, London, 1985; 2 Bde. in Kassette, 824 S., 100 farb. und 330 s/w. Abb.; 153 £ inkl. Versand.