Alljährlich fallen etwa hundert Deutsche aus fahrenden Zügen, 40 davon sterben. Nach einem neuen Gerichtsurteil kann die Bundesbahn (DB) für die Folgen solcher Unfälle auch dann haftbar gemacht werden, wenn sie kein Verschulden trifft.

50 000 Mark muß die DB aufgrund des Haftpflichtgesetzes an einen jugoslawischen Jungen zahlen, der aus ungeklärter Ursache aus einem etwa 110 Stundenkilometer fahrenden D-Zug stürzte. Dieses Urteil fällte jüngst der 1. Zivilsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts.

Der Tatbestand: Kurz vor Erreichen des Ziel-Bahnhofs hatte die Mutter des damals Neunjährigen zusammen mit ihrem Sohn und dessen elf Jahre altem Vetter Reisegepäck in den Waggonvorraum gebracht. Während die Frau in das drei Meter entfernte Abteil zurückging, um ihre Handtasche zu holen, stürzte der Sohn aus der Tür und wurde schwer verletzt. Kommentar des zuständigen DB-Sprechers in Mainz: "Solange ein Gegenbeweis oder eine Entlastung nicht möglich ist, muß die Bundesbahn in solchen Fällen haften, auch wenn ihr weder Verschulden noch Mitverschulden nachgewiesen werden kann."

Diese Art von Unfällen beschäftigt die Bahn schon seit längerer Zeit. Ein Arbeitskreis analysierte alle Stürze aus fahrenden Zügen, die im DB-Streckennetz zwischen Juli 1982 und Ende 1983 registriert wurden. Die traurige Bilanz: 191 "Fälle", von denen 39 tödlich endeten. Hauptursache der Unfälle war Alkohol.

Weil sie zu spät ausstiegen, kamen beispielsweise 113 Fahrgäste zu Fall, neun von ihnen kamen dabei ums Leben. Beim vorzeitigen Aussteigen verletzten sich zwölf Reisende, einer davon starb. Unvorsichtigkeit ließ 37 Bahnbenutzer aus der Zugtür stürzen, elf davon brachte sie den Tod. Nur wenige Unglücks- und Todesfälle kamen nach der DB-Statistik wegen Selbstmördern, mangelnder Aufsicht bei Kindern oder wegen des Verschuldens Dritter zustande. Ungeklärt blieben neun Stürze: Drei Personen können sich an das Geschehen nicht erinnern, sechs wurden tot gefunden.

Angesichts dieser Bilanz ist es wenig tröstlich, wenn ein DB-Sprecher feststellt: "Die Türsicherungen aller unserer Reisezugwagen entsprechen der Eisenbahnbetriebsordnung."

Zur Zeit gibt es bei der DB zwei technische Türschließverfahren: ein älteres pneumatisches, bei dem das Zugpersonal manuell mit Hilfe eines Luftdrucksystems die Türen kurz vor der Abfahrt über einen Zentralverschluß sichert. Nach sechs Sekunden Fahrt läßt sich die Tür dann allerdings wieder öffnen.