DIE ZEIT

Das träge Pendel der Demokratie

Die Bundesrepublik – doch eine Stimmungsdemokratie? Bis zur Niedersachsenwahl hatten selbst viele Taktiker und Strategen der Union das Risiko eines Machtverlustes auch in Bonn immerhin einkalkuliert, jedenfalls über einen Kanzlertausch nachgedacht.

Zwei zu drei

Entzugserscheinungen drohen das Gedächtnis zu trüben: Fußball, Fußball – da war doch was? Ganz recht. Lang, lang ist’s her, fast eine Woche, daß unsere Bildschirme bevölkert waren von Heerscharen dribbelnder Männlein, unsere Tage und Nächte erfüllt vom Rauschen des runden Leders.

Würdelos

Helmut Kohl hat vor kurzem einen zutreffenden Satz gesagt. Dem Sinne nach: Wer das Asylrecht wirklich ändern will, muß das Grundgesetz ändern.

Gemeinsam vorn?

Ist dies nun das "Europa der Tatsachen", von dem allein sich Robert Schuman einst eine hoffnungsvolle Zukunft versprach? Der Miterbauer der Gemeinschaft, dessen hundertster Geburtstag gerade in vielen europäischen Ländern gefeiert wurde, hätte gewiß seine Freude an dem gehabt, was sich Vertreter aus 19 Ländern am gefeiert dieser Woche in London gegenseitig dem sprachen: Gemeinsam und mit aller Kraft auf dem Gebiet der Hochtechnologie zu arbeiten – konkrete Ziele anzusteuern.

Was ist normal?

Nichts ist so relativ wie das Normale: In Südafrika habe sich die Lage dank des Ausnahmezustands normalisiert, sagt der Polizeiminister.

Zeitspiegel

Spätestens bis zum November soll die Bundesregierung auf Wunsch des Parlaments berichten, auf welche Weise Sind, Roma, Opfer der NS-Erbgesundheitsgesetze und andere kleinere Verfolgten-Gruppen bisher bei Wiedergutmachungsleistungen berücksichtigt worden sind.

Acht Wochen nach Tschernobyl: "Ihr mit eurem Spinat"

Hast du keine Angst, Swetlana?" Ihre Moskauer Freundinnen waren besorgt, denn Swetlana sollte dienstlich nach Kiew fliegen. Seit dem Unglück von Tschernobyl waren nun schon fast acht Wochen vergangen, aber Kiew lag noch immer 130 Kilometer südlich von jenem Atomkraftwerk, dessen unheilschwangere Wolken keine Grenzen kannten.

Wie totalitär sind die kommunistischen Staaten heute? Wie demokratisch sind eigentlich die Demokratien? Die alten Etiketten sind abgenutzt. An neuen Theorien fehlt es noch.: Wandel, Annäherung – und der entscheidende Unterschied

Die Frage, wie wir die politischen Systeme von Ost und West beschreiben, ist von mehr als akademischem Interesse. Wer in der Sowjetunion das Reich des Bösen sieht, wird eine andere Politik betreiben als der, der alle industriellen Gesellschaften auf ähnlichen Wegen vermutet.

Demonstrationsstrafrecht: Verluste für den Rechtsstaat

Während die CSU das ganze Demonstrationsstrafrecht in der Bundesrepublik auf die Regeln des Bismarckschen Obrigkeitsstaates zurücktrimmen will, zerbrechen sich vor allem liberale Politiker in Bonn den Kopf, wie man der neuen Gewalt bei Anti-Kernkraftdemonstrationen Herr werden könnte.

Sri Lanka: Kein Friede in Sicht

Seit 2000 Jahren glauben sie auf Ceylon, daß der Buddhismus auf der Welt nur dann überleben werde, wenn auch seine getreuesten Anhänger, die Singhalesen, überleben.

EG – Südafrika: Ein Warnschuß

Außenpolitische Entschlossenheit zählt nicht zu den Tugenden der Europäischen Gemeinschaft. Deshalb verwundert es auch nicht, wenn die Regierungschefs vergangene Woche auf ihrem Gipfel in Den Haag nur halbherzige Beschlüsse in Sachen Südafrika faßten.

Wolfgang Ebert:: Fußballtraum

Das ist die Geschichte, wie ich zwar nicht Fußballweltmeister wurde, dafür aber dem Kanzler sehr nahe kam. Also: Ich hatte die Endrunde in Mexiko erreicht, steckte aber in einer tiefen Formkrise.

Washington: Militärhilfe für die Contras

Der Präsident zog alle Register, um sich eine Mehrheit zu sichern. Ronald Reagan sprach mit 50 unschlüssigen Abgeordneten; danach waren die Gegner der militärischen Hilfe für die nicaraguanischen Aufständischen in der Minderheit.

Italien: Die Lust an der Krise

Anders als letzten Herbst, als Craxi – wegen seines Verhaltens im Fall "Achille Lauro" zum Rücktritt veranlaßt – im Parlament schnell wieder neues Vertrauen fand, zeichnet sich diesmal ein tiefes Zerwürfnis zwischen den Hauptpartnern der Koalition ab: Die Christdemokraten sind – so haben sie den Staatspräsidenten Anfang der Woche wissen lassen – nur noch bereit, für "genau begrenzte Zeit" bis zum Herbst dem Sozialisten Craxi den Vorsitz in der Regierung zu überlassen.

Die Iren wollen keine Scheidung

Als Premierminister Garret Fitz-Gerald im April seinen Beschluß bekanntgab, die Iren zur Ehescheidung zu befragen, gaben die Meinungsumfragen den Befürwortern einer restriktiven Scheidungsgesetzgebung einen Vorsprung von gut zwanzig Prozent.

Fluchtdrama in Ost-Berlin?

Den Gerüchten zufolge haben etwa zwölf Personen, darunter ehemalige Fallschirmjäger des Staatssicherheitsdienstes, einen Zug mit acht Wagen gekapert und mit diesem auf einer nach West-Berlin führenden Strecke einen Durchbruchsversuch unternommen.

BONNER BÜHNE: Atemloses Aufräumen

Es ist schon so, daß die Bundestagsabgeordneten Vertreter des ganzen Volkes auch in dem Sinne sind, daß sie vor dem Urlaub noch alles in Ordnung bringen.

Hoffmann verurteilt

Karl-Heinz Hoffmann, Gründer und Führer der "Wehrsportgruppe Hoffmann", wurde in Nürnberg zu neuneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt: wegen Geldfälschung, Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und unerlaubtem Waffenbesitz.

Karriere wie eine Achterbahn

Sein Gesicht gehört zu denen, die im Alter ansehnlicher werden, weil sie eine gewisse Würde ausstrahlen. Es ist trotz mancher Falten straffer geworden, und der frühere Ansatz von Hängebacken ist beinahe verschwunden.

Darüber lacht die DDR

Honecker und Ehefrau Margot wollen drei Wochen Urlaub machen. Der Generalsekretär weiß jedoch nicht recht, wem er während seiner Abwesenheit die Geschäfte übergeben soll.

Schaden durch Größe?

Der Schock ging tief: Als im Herbst vergangenen Jahres Deutschlands Autogigant Daimler-Benz den Elektrokonzern AEG unter seine Fittiche nahm, schien das Maß wettbewerbspolitischer Liberalität überzulaufen.

Europäischer Luftverkehr: Gute Vorsätze

Den europäischen Fluggesellschaften stehen unerfreuliche Briefe ins Haus, in denen die Kommission der Europäischen Gemeinschaft die Einhaltung der Wettbewerbsregeln anmahnt.

Privatisierung: Breuel kneift

Von wem hört man seit Jahr und Tag vollmundigere Bekenntnisse zur Privatisierung von staatlichen Unternehmensanteilen als von Birgit Breuel? Doch was davon wirklich zu halten ist, zeigt sich am Beispiel Volkswagenwerk wieder einmal.

Bonner Kulisse

Arbeitsminister Norbert Blüm kam wohl nicht durch Zufall in die Delegation, die Bundeskanzler Helmut Kohl zum Finale der Weltmeisterschaft in Mexiko begleitete.

Skandinavien: Die große Brücke gen Norden

Neben dem Ungeheuer von Loch Ness stand den dänischen Medien traditionell das Projekt einer festen Verbindung über den Großen Belt zur Verfügung, um die ereignisarme Sommerzeit zu überbrücken.

Schiffbauer funken SOS

Seinen Abschied aus dem Arbeitsleben hatte sich Kurt Müller anders vorgestellt. Niemals dachte er daran, daß er noch entlassen werden könnte – ein halbes Jahr, bevor er das Rentenalter erreichte.

Ohnmacht jenseits der Grenzen

Die Fragen könnten Tagesordnungspunkte der Vorstands- oder Aufsichtsratssitzungen des XY-Konzerns in Frankfurt, Mailand oder Paris sein.

AKTIENSELLER

In den Spitzenpapieren des deutschen Aktienmarktes hat es zwar im Juni eine gewisse Umsatzbelebung gegeben. Insgesamt gesehen war der Handel jedoch nach wie vor schwach.

MANAGER UND MÄRKTE

Der Unternehmer und SPD-Politiker Philip Rosenthal hat sich eine neue Design-Variante für die Satzung der Rosenthal AG in Selb, deren Aufsichtsratsvorsitzender er ist, ausgedacht: Die Hauptversammlung soll die Stimmrechte des einzelnen Aktionärs auf fünf Prozent des Kapitals begrenzen.

ZEITRAFFER

Auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt kündigt sich die Sommerflaute an: Zwar wird für den Monat Juni noch mit einer Abnahme der Arbeitslosigkeit gerechnet, doch der Rückgang dürfte schon nicht mehr so stark wie im Mai ausfallen.

Konservativer Kreis?

Pohl: Richtig ist, daß die Berufung von Herrn Mertens und auch von mir durch den DGB angeregt wurde. Aber damit ist überhaupt keine inhaltliche Fixierung verbunden.

Japan: Nakasones Kampf ums Überleben

Die Auflösung des Unterhauses, die Eröffnung der Kandidatur und auch der Wahltermin selbst fallen auf Butsumetsu", wundert sich der Chef der oppositionellen Sozialistischen Partei (SPJ), Masashi Ishibashi.

MARKT-REPORT: Noch kein Lichtblick

Spekulationen darauf, daß einige Großanleger den Halbjahres-Ultimo zum Anlaß nehmen würden, die Aktienkurse "heraufzupflegen", um ihre Zwischenbilanzen aufzupolieren, haben sich als verfehlt erwiesen.

BANK UND BORSE: Wenig Hoffnung auf Zinssenkungen

Nach der Euphorie wurde der deutsche Rentenhandel in den vergangenen Wochen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Nach dem spektakulären Zinsrutsch während der ersten Monate dieses Jahres sind die Zinsen in der Bundesrepublik nun wieder kräftig gestiegen.

Abschied: Kampen ohne Karlchen

Niemand sei unersetzlich, heißt eine jener schrecklichen Halbwahrheiten, von denen auch das Gegenteil falsch ist. Vermutlich also wird ein anderer an seine Stelle treten.

Skinheads: Öfters mal ein Bier

Vor sechs Monaten wurde der 26jährige Türke Ramazan Avci in Hamburg auf offener Straße von rechtsgerichteten Skinheads erschlagen.

Die 42. Kunst-Biennale von Venedig: viele Rekorde, wenig Konturen, eine konfuse Sonderausstellung zum Thema "Kunst und Wissenschaft" (Bericht auf Seite 40) und die Rückkehr der Preise: Halbierte Löwen im Luna-Park

Noch nie gab es so viele Nationen, Teilnehmer, Exponate, Quadratmeter: Wenn es um solche Mitteilungen geht, dann sind die Organisatoren der Bootsmesse so rekordbesoffen wie die der Buchmesse und die der Damenoberbekleidungsschau so vermessungssüchtig wie die der venezianischen Kunst-Biennale.

Zeitmosaik

Oder Beliebigkeit gehört die Stunde. Selten ein Programm, das noch einen Standpunkt bezeugt und vom Zuschauer, Zuhörer, Betrachter fordert.

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