Von Klaus Pokatzky

Alles ist recht bescheiden im Hause Dr. med. Wolff Geisler. Ein allgemeinpraktizierender Arzt kann mit 45 Jahren für gewöhnlich ein etwas anderes Ambiente vorweisen als diese beiden Zimmerchen in Bonns ältester Wohngemeinschaft, gelegen in einem kleinen Einfamilienhaus mit großem Garten. Ein bescheidenes Bett; altersschwache Sessel; kunterbunt zusammengewürfelte Schränke und Regale, prall gefällt mit Aktenordnern, Büchern, Zeitschriftensammlungen. Sie symbolisieren den Zweitberuf des Doktor Geisler: den Experten für die wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südafrika. Von internationalen Militärmagazinen bis zu Broschüren schwarzafrikanischer Widerstandsbewegungen, von vertraulichen Papieren aus den Vorstandsetagen deutscher Unternehmen bis zu offiziellen Regierungsdokumenten findet man hier alles.

Nur privaten Schnickschnack sucht man vergebens. Nicht mal zu einer anständigen Stereoanlage hat es Wolff Geisler in den 15 Jahren gebracht, die er hier nun lebt. Seit Anfang des Jahres baut er in Köln-Wahn seine eigene Praxis auf. Davor hat er jeweils zwei Tage in der Woche bei einem Landarzt in der Nähe von Bonn ausgeholfen, um sein Existenzminimum abzusichern. Den Rest seiner Zeit widmete er nur einem großen Thema: das südliche Afrika und wir. Eine eigene Praxis mußte er sich suchen, weil ihm der Landarzt den bequemen Hilfsvertrag voriges Jahr kündigte. Sein Ziel: Die Praxis nun möglichst rasch auf Vordermann zu bringen, bald einen Assistenten einzustellen – damit wieder Zeit fürs Politische bleibt.

Damit begann er 1971. Als junger Medizinalassistent und, nebenbei, Geschäftsführer des "Deutschen Komitees für Angola, Guinea-Bissao und Mocambique" stritt er für die Unabhänigkeit dieser afrikanischen Gebiete vom portugiesischen Kolonialherren. Auf Aktionärsversammlungen wetterte er gegen die Beteiligung deutscher Firmen am Bau des Cabora-Bassa-Staudamms, mit dem Portugal seine Herrschaft in Afrika ausbaute: "Beihilfe zum Mord".

"Moskauer Spion", "Arschloch", "Raus", feuchten ihn bei einer AEG-Hauptversammlung jene Mitaktionäre an, die ihre Wertpapiere erstanden hatten, um eine satte Rendite zu sehen, und nicht, wie Geisler und einige studentische Mitstreiter, um damit Politik zu betreiben. Cabora-Bassa erledigte die Geschichte: Nach der portugiesischen "Revolution der Nelken" kam für die afrikanischen "Provinzen" umgehend die Unabhängigkeit, und das schwarze Moçambique, eingedenk jahrzehntelanger bundesdeutscher Hilfe für die Kolonialisten in Lissabon, verbat sich jede Teilnahme von Vertretern der sozial-liberalen Bundesregierung an den Freiheitsfeierlichkeiten.

Nur ein Westdeutscher wurde eingeladen und durfte auf der Ehrentribüne Platz nehmen: Wolff Geisler, heftig umarmt vom neuen Staatspräsidenten Samora Machel. Als dann während der Parade ein paar hundert kleine schwarze Kinder vorbeizogen, hat er "Rotz und Wasser geheult". Denn nun wußte er: "Gegen Säuglingssterblichkeit und Kindersterben wird jetzt endlich etwas getan."

Er hatte schließlich Medizin studiert, "um herauszufinden, unter welchen politischen und sozialen Bedingungen die Menschen gesund leben können". Sein politisches Aha-Erlebnis kam dann in der Apo-Zeit. Kommilitonen vom SDS erzählten ihm, die Bundesregierung liefere Düsenbomber an die portugiesischen Militärs. Das wollte er nicht glauben. "Das müßt ihr mir erst mal beweisen." Das war nicht schwer, und danach fing Wolff Geisler an, anderen zu beweisen, wie sehr, mal offen, mal heimlich, Politiker und Unternehmer aus der Bundesrepublik die weißen Herren am Kap unterstützen – und dabei selbst von der Apartheid-Politik und den billigen schwarzen Arbeitskräften profitieren.