Hamburg

Vor sechs Monaten wurde der 26jährige Türke Ramazan Avci in Hamburg auf offener Straße von rechtsgerichteten Skinheads erschlagen. Am Dienstag dieser Woche fällte die 13. Strafkammer des Landgerichts ihr Urteil über die fünf jungen Täter, die wegen gemeinschaftlichen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt waren: 10 Jahre Freiheitsstrafe für den 21jährigen Hauptbeschuldigten, für seine Gefährten abgestuft sechs Jahre, zweimal dreieinhalb Jahre, ein Jahr Gefängnis. In der Begründung dieses Urteils spiegeln die häufigen Formulierungen "nicht sicher", "möglich", "nicht nachgewiesen" den Grad der Aufklärung in diesem Verfahren wider. Warum die fünf jungen Männer zwischen 18 und 23 Jahren den völlig unbekannten Ausländer in jener Dezembernacht mit Axtstiel, Holzkeule und Gummiknüppel schlugen, bis seine Schädeldecke in Stücke sprang, diese Frage ist nach zwölf Verhandlungstagen immer noch unbeantwortet.

Richter Erich Petersen, Vorsitzender der Jugendkammer, bescheinigte den Skinheads, zu denen die fünf Angeklagten zählen, zwar ein "oberflächliches Nationaldenken", verbunden mit einer "latenten Abneigung gegen Ausländer", doch sei diese Gesinnung als tragendes Motiv der Mordnacht "nicht feststellbar". So bleibt Richter Erich Petersen nur das Bündel von Motiven, das die Staatsanwaltschaft schon vor sieben Wochen in ihrer Anklageschrift beschrieben hatte: Etwa die Wut der Skinheads darüber, daß sich der angegriffene und als "Kanake" beschimpfte Türke mit Tränengas wehrte – oder das Bedürfnis, die eigene Entschlossenheit vor den Kameraden zu demonstrieren. Aber Entschlossenheit wozu?

Ralph L., der Hauptbeschuldigte, war in jener Nacht in der Skinhead-Stammkneipe am Tisch eingeschlafen, wachte auf, als es auf der Straße "gegen die Türken" ging, schnappte sich einen Axtstiel und erschlug wenig später Ramazan Avci. In dem Urteil, das sich Ralph L. nun zehn Jahre lang im Gefängnis durchlesen kann, steht: Es müsse "ein deutliches Zeichen gesetzt werden gegen die Eskalation der Gewalt in Jugendgruppen". Wem nützt dieses Urteil?

Dabei hätte es in diesem Prozeß die Chance der Aufklärung gegeben. Was über die Angeklagten in diesem Verfahren bekannt wurde, waren Anhaltspunkte, bei denen die Untersuchung hätte beginnen können, statt dort zu enden. Die jungen Männer waren Mitglieder der Skinhead-Gruppe "Lohbrügge Army", kurz "LA" genannt, in Hamburg-Bergedorf, wo früher Michael Kühnen Nachwuchs für seine "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" rekrutierte und heute die neonazistische "Freiheitliche Arbeiterpartei" aktiv ist. Einige der Angeklagten haben Vorstrafen, die ebenfalls in Richtung auf neonazistische Beeinflussung weisen: wegen Hitler-Gruß, "Sieg-Heil"-Brüllen in der Öffentlichkeit, Verwendung von "Türken raus"-

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Aufklebern der FAP. In die Haft bekamen die Skinheads Rundbriefe einer "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene" geschickt. Von dieser Post distanzierten sich die Adressaten zwar, doch zufällig bekamen sie sie wohl kaum. In der Hamburger Skinhead-Szene kursierte ein Spendenaufruf für die angeklagten Kameraden, der die gegen Ausländer zu laschen Politiker als Schuldige am Tod Avcis bezeichnet und fragt: "Ist es da so unverständlich, wenn bei einem jungen Deutschen mal die Sicherung durchbrennt?"