Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung

Von Jürgen Habermas

Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus, daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits beschrieben war... Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten?“

Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Juni 1986

I.

Der Erlanger Historiker Michael Stürmer bevorzugt eine funktionale Deutung des historischen Bewußtseins: „In einem geschichtslosen Land, (gewinnt derjenige) die Zukunft, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“ Im Sinne jenes neokonservativen Weltbildes von Joachim Ritter, das in den siebziger Jahren von seinen Schülern aktualisiert worden ist, stellt sich Stürmer Modernisierungsprozesse als eine Art Schadensabwicklung vor. Der einzelne muß für die unvermeidliche Entfremdung, die er als „Sozialmolekül“ in der Umgebung einer versachlichten Industriegesellschaft erfährt, mit identitätsstiftendem Sinn kompensiert werden. Stürmer sorgt sich freilich weniger um die Identität des einzelnen als um die Integration des Gemeinwesens. Der Pluralismus der Werte und Interessen treibt, „wenn er keinen gemeinsamen Boden mehr findet... früher oder später zum sozialen Bürgerkrieg“. Es bedarf „jener höheren Sinnstiftung, die nach der Religion bisher allein Nation und Patriotismus zu leisten imstande waren“. Eine politisch verantwortungsbewußte Geschichtswissenschaft wird sich dem Ruf nicht versagen, ein Geschichtsbild herzustellen und zu verbreiten, das dem nationalen Konsens förderlich ist. Die Fachhistorie wird ohnehin „vorangetrieben durch kollektive, großenteils unbewußte Bedürfnisse nach innerweltlicher Sinnstiftung: (sie) muß diese aber“ – und das empfindet Stürmer durchaus als ein Dilemma – „in wissenschaftlicher Methodik abarbeiten“. Deshalb macht sie sich auf „die Gratwanderung zwischen Sinnstiftung und Entmythologisierung.“

Beobachten wir zunächst den Kölner Zeithistoriker Andreas Hillgruber bei seiner Gratwanderung. Ohne fachliche Kompetenz traue ich mich an die jüngste Arbeit dieses renommierten Zeithistorikers nur heran, weil diese in einer bibliophilen Ausgabe unter dem Titel „Zweierlei Untergang“ bei Wolf Jobst Siedler erschienene Untersuchung offensichtlich an Laien adressiert ist. Ich notiere die Selbstbeobachtung eines Patienten, der sich einer revisionistischen Operation seines Geschichtsbewußtseins unterzieht.

Im ersten Teil seiner Studie beschreibt Hillgruber den Zusammenbruch der deutschen Ostfront während des letzten Kriegsjahres 1944/45. Zu Beginn erörtert er das „Problem der Identifizierung“, die Frage nämlich, mit welcher der seinerzeit beteiligten Parteien der Autor sich in seiner Darstellung identifizieren solle. Da er die Situationsdeutung der Männer vom 20. Juli gegenüber der verantwortungsethischen Haltung der Befehlshaber, Landräte und Bürgermeister vor Ort als bloß „gesinnungsethisch“ schon abgetan hat, bleiben drei Positionen. Die Durchhalteperspektive Hitlers lehnt Hillgruber als sozialdarwinistisch ab. Auch eine Identifikation mit den Siegern kommt nicht in Betracht. Diese Befreiungsperspektive sei nur für die Opfer der Konzentrationslager angebracht, nicht für die deutsche Nation im ganzen. Der Historiker hat nur eine Wahl: „Er muß sich mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostseebereich identifizieren, die die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren und ... den Fluchtweg nach Westen freizuhalten suchten.“

Man fragt sich verdutzt, warum der Historiker von 1986 nicht eine Retrospektive aus dem Abstand von vierzig Jahren versuchen, also seine eigene Perspektive einnehmen sollte, von der er sich ohnehin nicht lösen kann. Sie bietet zudem den hermeneutischen Vorzug, die selektiven Wahrnehmungen der unmittelbar beteiligten Parteien in Beziehung zu setzen, gegeneinander abzuwägen und aus dem Wissen des Nachgeborenen zu ergänzen. Aus diesem, man möchte fast sagen: „normalen“ Blickwinkel will Hillgruber jedoch seine Darstellung nicht schreiben, denn dann kämen unvermeidlich Fragen der „Moral in Vernichtungskriegen“ ins Spiel. Die aber sollen ausgeklammert bleiben. Hillgruber erinnert in diesem Zusammenhang an die Äußerung von Norbert Blüm, daß, solange nur die deutsche „Ostfront“ hielt, auch die Vernichtungsaktionen in den Lagern weitergehen konnten. Diese Tatsache müßte einen langen Schatten auf jenes „Bild des Entsetzens von vergewaltigten Frauen und ermordeten Kindern“ werfen, das sich beispielsweise den deutschen Soldaten nach der Rückeroberung von Nemmersdorf geboten hat. Hillgruber geht es um eine Darstellung des Geschehens aus der Sicht der tapferen Soldaten, der verzweifelten Zivilbevölkerung, auch der „bewährten“ Hoheitsträger der NSDAP; er will sich in die Erlebnisse der Kämpfer von damals hineinversetzen, die noch nicht von unseren retrospektiven Kenntnissen eingerahmt und entwertet sind. Diese Absicht erklärt das Prinzip der Zweiteilung der Studie in „Zusammenbruch im Osten“ und „Judenvernichtung“, zwei Vorgänge, die Hillgruber gerade nicht, wie der Klappentext ankündigt, „in ihrer düsteren Verflechtung“ zeigen will.

II.

Nach dieser Operation, die man wohl dem von Stürmer erwähnten Dilemma sinnstiftender Historie zugute halten muß, zögert Hillgruber freilich nicht, das Wissen des nachgeborenen Historikers doch noch in Anspruch zu nehmen, um die im Vorwort eingeführte These zu belegen, daß die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten keineswegs als eine „Antwort“ auf die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu verstehen sei. Anhand der alliierten Kriegsziele weist er nach, daß „für den Fall einer deutschen Niederlage zu keinem Zeitpunkt des Krieges Aussicht bestand, den größeren Teil der preußisch-deutschen Ostprovinzen zu retten“; dabei erklärt er das Desinteresse der Westmächte mit einem „klischeehaften Preußenbild“. Daß die Machtstruktur des Reiches mit der besonders in Preußen konservierten Gesellschaftsstruktur zu tun haben könnte, kommt Hillgruber nicht in den Sinn. Von sozialwissenschaftlichen Informationen macht er keinen Gebrauch – sonst hätte er beispielsweise den Umstand, daß Ausschreitungen beim Einmarsch der Roten Armee nicht nur in Deutschland, sondern zuvor auch schon in Polen, Rumänien und Ungarn vorgekommen sind, wohl kaum auf die barbarischen „Kriegsvorstellungen“ der stalinistischen Epoche zurückführen können. Wie dem auch sei, die Westmächte waren durch ihr illusionär wahrgenommenes Kriegsziel, die Zerschlagung Preußens, verblendet. Zu spät erkannten sie, wie durch den Vormarsch der Russen „ganz Europa der Verlierer der Katastrophe von 1945“ wurde.

Vor dieser Szene nun kann Hillgruber das „Ringen“ des deutschen Ostheeres ins rechte Licht rücken – den „verzweifelten Abwehrkampf um die Bewahrung der Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches, das nach dem Willen der Alliierten zertrümmert werden sollte. Das deutsche Ostheer bot einen Schutzschirm vor einem jahrhundertealten deutschen Siedlungsraum, vor der Heimat von Millionen, die in einem Kernland des Deutschen Reiches ... wohnten.“ Die dramatische Darstellung schließt dann mit einer Wunschdeutung des 8. Mai 1945: Vierzig Jahre danach sei die Frage einer „Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte ... so offen wie damals, als die Zeitgenossen als Mithandelnde oder Opfer Zeugen der Katastrophe des deutschen Ostens wurden“. Die Moral der Geschichte liegt auf der Hand: Heute wenigstens stimmt die Allianz.

Im zweiten Teil behandelt Hillgruber auf 22 Seiten den Aspekt des Geschehens, den er aus dem „tragischen“ Heldengeschehen bis dahin ausgeblendet hatte. Schon der Untertitel des Buches signalisiert eine veränderte Perspektive. Der in der Rhetorik von Kriegsheftchen beschworenen „Zerschlagung des Deutschen Reiches“ (die anscheinend nur an der „Ostfront“ stattgefunden hat) steht das nüchtern registrierte „Ende des europäischen Judentums“ gegenüber. Die „Zerschlagung“ verlangt einen aggressiven Gegner, ein „Ende“ stellt sich gleichsam von selber ein. Während dort „die Vernichtung ganzer Armeen neben dem Opfermut einzelner“ stand, ist hier von den „stationären Nachfolgeorganisationen“ der Einsatzkommandos die Rede. Während dort „manche Unbekannte in der hereinbrechenden Katastrophe über sich hinauswuchsen“, werden hier die Gaskammern als „effektivere Mittel“ der Liquidation umschrieben. Dort die nicht-revidierten, unausgedünsteten Klischees eines aus Jugendtagen mitgeführten Jargons, hier die bürokratisch gefrorene Sprache. Der Historiker wechselt nicht nur die Perspektive der Darstellung. Nun geht es um den Nachweis, daß „der Mord an den Juden ausschließlich eine Konsequenz aus der radikalen Rassendoktrin“ gewesen sei.

Stürmer interessierte sich für die Frage, „wie weit es der Krieg Hitlers gewesen war und wie weit der Krieg der Deutschen“. Hillgruber stellt die analoge Frage im Hinblick auf die Judenvernichtung. Er stellt hypothetische Überlegungen an, wie das Leben der Juden ausgesehen hätte, wenn nicht die Nazis, sondern Deutschnationale und Stahlhelmer 1933 an die Macht gekommen wären. Die Nürnberger Gesetze wären ebenso erlassen worden wie alle übrigen Maßnahmen, die den Juden bis 1938 „ein Sonderbewußtsein aufgezwungen“ haben; denn diese standen „mit den Empfindungen eines großen Teils der Gesellschaft in Einklang“. Hillgruber bezweifelt aber, daß zwischen 1938 und 1941 bereits alle Funktionsträger eine forcierte Auswanderungspolitik als die beste Lösung der Judenfrage angesehen hätten. Immerhin seien bis dahin zwei Drittel der deutschen Juden „ins Ausland gelangt“. Was schließlich, seit 1941, die Endlösung anbetrifft, es war Hitler allein, der sie von Anbeginn ins Auge gefaßt hatte. Hitler wollte die physische Vernichtung aller Juden, „weil nur durch eine solche ,rassische Revolution‘ der angestrebten ‚Weltmacht-Position‘ seines Reiches Dauerhaftigkeit verliehen werden konnte“. Da dem letzten Wort der konjunktivische Umlaut fehlt, weiß man nicht, ob sich der Historiker auch diesmal die Perspektive des Beteiligten zu eigen macht.

Jedenfalls legt Hillgruber einen scharfen Schnitt zwischen die Euthanasieaktion, der schon 100 000 Geisteskranke zum Opfer fielen, und die Judenvernichtung selbst. Vor dem Hintergrund einer sozialdarwinistischen Humangenetik habe die Tötung „lebensunwerten Lebens“ in der Bevölkerung weithin Zustimmung gefunden. Dagegen sei Hitler mit der Idee der „Endlösung“ sogar in der engsten Führungsclique, „einschließlich Görings, Himmlers und Heydrichs“, isoliert gewesen. Nachdem Hitler so als der alleinverantwortliche Urheber für Idee und Entschluß identifiziert worden ist, harrt nur noch die Durchführung einer Erklärung – aber auch die erschreckende Tatsache, daß die Masse der Bevölkerung – wie Hillgruber durchaus annimmt – bei alledem stillgehalten hat.

Freilich wäre das Ziel der mühsamen Revision gefährdet, wenn dieses Phänomen am Ende doch noch einer moralischen Beurteilung ausgeliefert werden müßte. An dieser Stelle bricht deshalb der narrativ verfahrende Historiker, der von sozialwissenschaftlichen Erklärungsversuchen nichts hält, ins Anthropologisch-Allgemeine aus. Nach seiner Meinung „weist die Hinnahme des zunächst dunkel geahnten grauenhaften Geschehens durch die Masse der Bevölkerung ... über die historische Einmaligkeit des Vorgangs hinaus“. Fest in der Tradition der deutschen Mandarine stehend, ist Hillgruber übrigens „am tiefsten erschreckt“ über den hohen Anteil beteiligter Akademiker – als gäbe es nicht auch dafür ganz plausible Erklärungen. Kurzum, daß eine zivilisierte Bevölkerung das Ungeheuerliche geschehen ließ, ist ein Phänomen, das Hillgruber aus der Fachkompetenz des überforderten Historikers entläßt – und unverbindlich in die Dimension des Allgemeinmenschlichen abschiebt.

III.

Hillgrubers Bonner Kollege Klaus Hildebrand empfiehlt in der Historischen Zeitschrift (Bd. 242. 1986, 465f.) eine Arbeit von Ernst Nolte als „wegweisend“, weil sie das Verdienst habe, der Geschichte des „Dritten Reiches“ das „scheinbar Einzigartige“ zu nehmen und „die Vernichtungskapazität der Weltanschauung und des Regimes“ in die gesamttotalitäre Entwicklung historisierend einzuordnen. Nolte, der schon mit dem Buch über den „Faschismus in seiner Epoche“ (1963) weithin Anerkennung gefunden hatte, ist in der Tat aus anderem Holz geschnitzt als Hillgruber.

In seinem Beitrag „Zwischen Mythos und Revisionismus“ begründet er heute die Notwendigkeit einer Revision damit, daß die Geschichte des „Dritten Reiches“ weitgehend von den Siegern geschrieben und zu einem „negativen Mythos“ gemacht worden sei. Um das zu illustrieren, lädt Nolte zu dem geschmackvollen Gedankenexperiment ein, sich doch einmal das Israelbild einer siegreichen PLO nach der vollständigen Vernichtung Israels auszumalen: „Dann würde sich für Jahrzehnte und möglicherweise für Jahrhunderte niemand trauen, die bewegenden Ursprünge des Zionismus auf den Geist des Widerstandes gegen den europäischen Antisemitismus ... zurückzuführen.“ Selbst die Totalitarismustheorie der fünfziger Jahre habe keine veränderte Perspektive angeboten, sondern nur dazu geführt, in das negative Bild eben auch die Sowjetunion einzubeziehen. Ein Konzept, das derart vom Gegensatz zum demokratischen Verfassungsstaat lebt, genügt Nolte noch nicht; ihm geht es um die Dialektik wechselseitiger Vernichtungsdrohungen. Lange vor Auschwitz habe Hitler, meint er, gute Gründe gehabt für seine Überzeugung, daß der Gegner auch ihn habe vernichten wollen – „annihilate“ heißt der Ausdruck im englischen Original. Als Beleg gilt ihm die „Kriegserklärung“, die Chaim Weizmann im September 1939 für den jüdischen Weltkongreß abgegeben und die Hitler dazu berechtigt habe, die deutschen Juden als Kriegsgefangene zu behandeln – und zu deportieren. Man hatte schon vor einigen Wochen in der ZEIT (allerdings ohne Namensnennung) lesen können, daß Nolte dieses abenteuerliche Argument einem jüdischen Gast, seinem Fachkollegen Saul Friedländer aus Tel Aviv, zum Abendessen serviert hatte – jetzt lese ich es schwarz auf weiß.

Nolte ist nicht der betulich-konservative Erzähler, der sich mit dem „Identifikationsproblem“ herumschlägt. Er löst Stürmers Dilemma zwischen Sinnstiftung und Wissenschaft durch forsche Dezision und wählt als Bezugspunkt seiner Darstellung den Terror des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha. Von hier aus rekonstruiert er eine Vorgeschichte, die über den „Gulag“, die Vertreibung der Kulaken durch Stalin und die bolschewistische Revolution zurückreicht bis zu Babeuf, den Frühsozialisten und den englischen Agrarreformern des frühen 19. Jahrhunderts – eine Linie des Aufstandes gegen die kulturelle und gesellschaftliche Modernisierung, getrieben von der illusionären Sehnsucht nach der Wiederherstellung einer überschaubaren, autarken Welt. In diesem Kontext des Schreckens erscheint dann die Judenvernichtung nur als das bedauerliche Ergebnis einer immerhin verständlichen Reaktion auf das, was Hitler als Vernichtungsdrohung empfinden müßte: „Die sogenannte Vernichtung der Juden während des Dritten Reiches war eine Reaktion oder eine verzerrte Kopie, aber nicht ein erstmaliger Vorgang oder ein Original.“

Nolte bemüht sich in einem anderen Aufsatz, den philosophischen Hintergrund seiner „Trilogie zur Geschichte moderner Ideologien“ aufzuklären. Dieses Werk steht hier nicht zur Diskussion. An dem, was Nolte, der Heideggerschüler, seine „philosophische Geschichtsschreibung“ nennt, interessiert mich nur das „Philosophische“.

Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde in der philosophischen Anthropologie über die Verschränkung von „Weltoffenheit“ und „Umweltverhaftung“ des Menschen gestritten – eine Diskussion, die zwischen A. Gehlen, H. Plessner, K. Lorenz und E. Rothacker ausgetragen worden ist. Daran erinnert mich Noltes eigentümlicher Gebrauch des Heideggerschen Begriffs der „Transzendenz“. Mit diesem Ausdruck verschiebt er nämlich seit 1963 die große Wende, jenen historischen Vorgang des Aufbrechens einer traditionalen Lebenswelt beim Übergang zur Moderne, ins Anthropologisch-Ursprüngliche. In dieser Tiefendimension, in der alle Katzen grau sind, wirbt er dann um Verständnis für die antimodernistischen Impulse, die sich gegen „eine vorbehaltlose Affirmation der praktischen Transzendenz“ richten. Darunter versteht Nolte die angeblich ontologisch begründete „Ein- und von Weltwirtschaft, Technik, Wissenschaft und Emanzipation“. Das alles fügt sich trefflich in heute dominierende Stimmungslagen – und in den Reigen der kalifornischen Weltbilder, die daraus hervorsprießen. Ärgerlicher ist die Entdifferenzierung, die aus dieser Sicht „Marx und Maurras, Engels und Hitler bei aller Hervorhebung ihrer Gegensätze dennoch zu verwandten Figuren“ macht. Erst wenn sich Marxismus und Faschismus gleichermaßen als Versuche zu erkennen geben, eine Antwort zu geben „auf die beängstigenden Realitäten der Moderne“, kann auch die wahre Intention des Nationalsozialismus von dessen unseliger Praxis fein säuberlich geschieden werden: „Die ‚Untat‘ war nicht in der letzten Intention beschlossen, sondern in der Schuldzuschreibung, die sich gegen eine Menschengruppe richtete, welche selbst durch den Emanzipationsprozeß der liberalen Gesellschaft so schwer betroffen war, daß sie sich in bedeutenden Repräsentanten für tödlich gefährdet erklärte.“

Nun könnte man die skurrile Hintergrundphilosophie eines bedeutend-exzentrischen Geistes auf sich beruhen lassen, wenn nicht neokonservative Zeithistoriker sich bemüßigt fühlten, sich genau dieser Spielart von Revisionismus zu bedienen;

Als Beitrag zu den diesjährigen Römerberggesprächen, die mit Vorträgen von Hans und Wolfgang Mommsen auch das Thema der „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ behandelten, bescherte uns das Feuilleton der FAZ vom 6. Juni 1986 einen militanten Artikel von Ernst Nolte – übrigens unter einem scheinheiligen Vorwand (das sage ich in Kenntnis des Briefwechsels, den der angeblich ausgeladene Nolte mit den Veranstaltern geführt hat). Auch Stürmer solidarisierte sich bei dieser Gelegenheit mit dem Zeitungsaufsatz, in dem Nolte die Singularität der Judenvernichtung auf „den technischen Vorgang der Vergasung“ reduziert und mit einem eher abstrusen Beispiel aus dem russischen Bürgerkrieg seine These belegt, daß der Archipel Gulag „ursprünglicher“ sei als Auschwitz. Dem Film „Shoah“ von Lanzmann weiß der Autor nur zu entnehmen, „daß auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten und daß es andererseits unter den polnischen Opfern des Nationalsozialismus virulenten Antisemitismus gab“. Diese unappetitlichen Kostproben zeigen, daß Nolte einen Fassbinder bei weitem in den Schatten stellt. Wenn die FAZ mit Recht gegen die in Frankfurt geplante Aufführung dieses Stücks zu Felde gezogen ist, warum dann dies?

Ich kann mir das nur so erklären, daß Nolte nicht nur jenes Dilemma zwischen Sinnstiftung und Wissenschaft eleganter umschifft als andere, sondern für ein weiteres Dilemma eine Lösung parat hat. Dieses Dilemma beschreibt Stürmer mit dem Satz: „In der Wirklichkeit des geteilten Deutschlands müssen die Deutschen ihre Identität finden, die im Nationalstaat nicht mehr zu begründen ist, ohne Nation aber auch nicht.“ Die Ideologieplaner wollen über eine Wiederbelebung des Nationalbewußtseins Konsens beschaffen, gleichzeitig müssen sie aber die nationalstaatlichen Feindbilder aus dem Bereich der Nato verbannen. Für diese Manipulation bietet Noltes Theorie einen großen Vorzug. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der „asiatischen“ Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht.

IV.

Wenn man sich die Zusammensetzung der Kommissionen ansieht, die die Konzeptionen für die von der Bundesregierung geplanten Museen, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn, ausgearbeitet haben, kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß auch Gedanken des Neuen Revisionismus in die Gestalt von Exponaten, von volkspädagogisch wirksamen Ausstellungsgegenständen umgesetzt werden sollen. Die vorgelegten Gutachten haben zwar ein pluralistisches Gesicht. Aber mit neuen Museen dürfte es sich kaum anders verhalten als mit neuen Max-Planck-Instituten: Die programmatischen Denkschriften, die einer Neugründung regelmäßig vorangehen, haben mit dem, was die ins Amt berufenen Direktoren dann daraus machen, nicht mehr viel zu tun. Das schwant auch Jürgen Kocka, dem liberalen Alibi-Mitglied in der Berliner Sachverständigenkommission: „Am Ende wird entscheidend sein, welche Personen die Sache in die Hand nehmen ... auch hier steckt der Teufel im Detail.“

Wer wollte sich schon gegen ernstgemeinte Bemühungen stemmen, das historische Bewußtsein der Bevölkerung in der Bundesrepublik zu stärken. Es gibt auch gute Gründe für eine historisierende Distanzierung von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Martin Broszat hat sie überzeugend vorgetragen. Jene komplexen Zusammenhänge zwischen Kriminalität und doppelbödiger Normalität des NS-Alltags, zwischen Zerstörung und vitaler Leistungskraft, zwischen verheerender Systemperspektive und unauffällig-ambivalenter Nahoptik vor Ort könnten eine heilsam objektivierende Vergegenwärtigung durchaus vertragen. Die kurzatmig pädagogisierende Vereinnahmung einer kurzschlüssig moralisierten Vergangenheit von Vätern und Großvätern könnte dann dem distanzierenden Verstehen weichen. Die behutsame Differenzierung zwischen dem Verstehen und dem Verurteilen einer schockierenden Vergangenheit könnte auch die hypnotische Lähmung lösen helfen. Allein, diese Art von Historisierung würde sich eben nicht wie der von Hildebrand und Stürmer empfohlene Revisionismus eines Hillgruber oder Nolte von dem Impuls leiten lassen, die Hypotheken einer glücklich entmoralisierten Vergangenheit abzuschütteln. Ich will niemandem böse Absichten unterstellen. Es gibt ein einfaches Kriterium, an dem sich die Geister scheiden: Die einen gehen davon aus, daß die Arbeit des distanzierenden Verstehens die Kraft einer reflexiven Erinnerung freisetzt und damit den Spielraum für einen autonomen Umgang mit ambivalenten Überlieferungen erweitert; die anderen möchten eine revisionistische Historie in Dienst nehmen für die nationalgeschichtliche Aufmöbelung einer konventionellen Identität.

Vielleicht ist diese Formulierung noch nicht eindeutig genug. Wer auf die Wiederbelebung einer in Nationalbewußtsein naturwüchsig verankerten Identität hinauswill, wer sich von funktionalen Imperativen der Berechenbarkeit, der Konsensbeschaffung, der sozialen Integration durch Sinnstiftung leiten läßt, der muß den aufklärenden Effekt der Geschichtsschreibung scheuen und einen breitenwirksamen Pluralismus der Geschichtsdeutungen ablehnen. Man wird Michael Stürmer kaum Unrecht tun, wenn man seine Leitartikel in diesem Sinne versteht: „Beim Betrachten der Deutschen vis-à-vis ihrer Geschichte stellt sich unseren Nachbarn die Frage, wohin das alles treibt. Die Bundesrepublik ... ist Mittelstück im europäischen Verteidigungsbogen des atlantischen Systems. Doch es zeigt sich jetzt, daß jede der heute in Deutschland lebenden Generationen unterschiedliche, ja gegensätzliche Bilder Von Vergangenheit und Zukunft mit sich trägt... Die Suche nach der verlorenen Geschichte ist nicht abstraktes Bildungsstreben: sie ist moralisch legitim und politisch notwendig. Denn es geht um die innere Kontinuität der deutschen Republik und ihre außenpolitische Berechenbarkeit.“ Stürmer plädiert für ein vereinheitlichtes Geschichtsbild, das anstelle der ins Private abgedrifteten religiösen Glaubensmächte Identität und gesellschaftliche Integration sichern kann.

Geschichtsbewußtsein als Religionsersatz – ist die Geschichtsschreibung mit diesem alten Traum des Historismus nicht doch etwas überfordert? Gewiß, die deutschen Historiker können auf eine wahrlich staatstragende Tradition ihrer Zunft zurückblicken. Hans-Ulrich Wehler hat kürzlich noch einmal an den ideologischen Beitrag zur Stabilisierung des kleindeutschen Reiches und zur inneren Ausgrenzung der „Reichfeinde“ erinnert. Bis in die späten fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts herrschte jene Mentalität, die sich seit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 und nach der Niederlage der liberalen Geschichtsschreibung vom Typ Gervinus ausgebildet hatte: „Liberale, aufgeklärte Historiker konnte man fortan fast hundert Jahre lang nur mehr isoliert oder in kleinen Randgruppen finden. Die Mehrheit der Zunft dachte und argumentierte reichsnational, staatsbewußt, machtpolitisch.“ Daß sich nach 1945, jedenfalls mit der Generation der nach 1945 ausgebildeten jüngeren Historiker, nicht nur ein anderer Geist, sondern ein Pluralismus von Lesarten und methodischen Ansätzen durchsetzte, ist aber keineswegs nur eine Panne, die sich schlicht reparieren ließe. Vielmehr war die alte Mentalität nur der fachspezifische Ausdruck eines Mandarinenbewußtseins, das die Nazizeit aus guten Gründen nicht überlebt hat: Durch erwiesene Ohnmacht gegen oder gar Komplizenschaft mit dem Naziregime war sie vor aller Augen ihrer Substanzlosigkeit überführt worden. Dieser geschichtlich erzwungene Reflexionsschub hat nicht nur die ideologischen Prämissen der deutschen Geschichtsschreibung berührt; er hat auch das methodische Bewußtsein für die Kontextabhängigkeit jeder Geschichtsschreibung verschärft.

Es ist jedoch ein Mißverständnis dieser hermeneutischen Einsicht, wenn die Revisionisten heute davon ausgehen, daß sie die Gegenwart aus Scheinwerfern beliebig rekonstruierter Vorgeschichten anstrahlen und aus diesen Optionen ein besonders geeignetes Geschichtsbild auswählen könnten. Das geschärfte methodische Bewußtsein bedeutet vielmehr das Ende jedes geschlossenen, gar von Regierungshistorikern verordneten Geschichtsbildes. Der unvermeidliche, keineswegs unkontrollierte, sondern durchsichtig gemachte Pluralismus der Lesarten spiegelt nur die Struktur offener Gesellschaften. Er eröffnet erst die Chance, die eigenen identitätsbildenden Überlieferungen in ihren Ambivalenzen deutlich zu machen. Genau dies ist notwendig für eine kritische Aneignung mehrdeutiger Traditionen, das heißt für die Ausbildung eines Geschichtsbewußtseins, das mit geschlossenen und sekundär naturwüchsigen Geschichtsbildern ebenso unvereinbar ist wie mit jeder Gestalt einer konventionellen, nämlich einhellig und vorreflexiv geteilten Identität.

Was heute als „Verlust der Geschichte“ beklagt wird, hat ja nicht nur den Aspekt des Wegsteckens und des Verdrängens, nicht nur den des Fixiertseins an eine belastete und darum ins Stocken geratene Vergangenheit. Wenn unter den Jüngeren die nationalen Symbole ihre Prägekraft verloren haben, wenn die naiven Identifikationen mit der eigenen Herkunft einem eher tentativen Umgang mit Geschichte gewichen sind, wenn Diskontinuitäten stärker empfunden, Kontinuitäten nicht um jeden Preis gefeiert werden, wenn nationaler Stolz und kollektives Selbstwertgefühl durch den Filter universalistischer Wertorientierungen hindurchgetrieben werden – in dem Maße, wie das wirklich zutrifft, mehren sich die Anzeichen für die Ausbildung einer postkonventionellen Identität. Diese Anzeichen werden aus Allensbach mit Kassandrarufen bedacht; wenn sie nicht trügen, verraten sie nur eins: daß wir die Chance, die die moralische Katastrophe auch bedeuten konnte, nicht ganz verspielt haben.

Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte. Stabilisiert wird das Ergebnis nicht durch eine deutsch-national eingefärbte Natophilosophie. Jene Öffnung ist ja vollzogen worden durch Überwindung genau der Ideologie der Mitte, die unsere Revisionisten mit ihrem geopolitischen Tamtam von „der alten europäischen Mittellage der Deutschen“ (Stürmer) und „der Rekonstruktion der zerstörten europäischen Mitte“ (Hillgruber) wieder aufwärmen. Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach – und durch – Auschwitz bilden können. Wer uns mit einer Floskel wie „Schuldbesessenheit“ (Stürmer und Oppenheimer) die Schamröte über dieses Faktum austreiben will, wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzige verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen.