Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde in der philosophischen Anthropologie über die Verschränkung von "Weltoffenheit" und "Umweltverhaftung" des Menschen gestritten – eine Diskussion, die zwischen A. Gehlen, H. Plessner, K. Lorenz und E. Rothacker ausgetragen worden ist. Daran erinnert mich Noltes eigentümlicher Gebrauch des Heideggerschen Begriffs der "Transzendenz". Mit diesem Ausdruck verschiebt er nämlich seit 1963 die große Wende, jenen historischen Vorgang des Aufbrechens einer traditionalen Lebenswelt beim Übergang zur Moderne, ins Anthropologisch-Ursprüngliche. In dieser Tiefendimension, in der alle Katzen grau sind, wirbt er dann um Verständnis für die antimodernistischen Impulse, die sich gegen "eine vorbehaltlose Affirmation der praktischen Transzendenz" richten. Darunter versteht Nolte die angeblich ontologisch begründete "Ein- und von Weltwirtschaft, Technik, Wissenschaft und Emanzipation". Das alles fügt sich trefflich in heute dominierende Stimmungslagen – und in den Reigen der kalifornischen Weltbilder, die daraus hervorsprießen. Ärgerlicher ist die Entdifferenzierung, die aus dieser Sicht "Marx und Maurras, Engels und Hitler bei aller Hervorhebung ihrer Gegensätze dennoch zu verwandten Figuren" macht. Erst wenn sich Marxismus und Faschismus gleichermaßen als Versuche zu erkennen geben, eine Antwort zu geben "auf die beängstigenden Realitäten der Moderne", kann auch die wahre Intention des Nationalsozialismus von dessen unseliger Praxis fein säuberlich geschieden werden: "Die ‚Untat‘ war nicht in der letzten Intention beschlossen, sondern in der Schuldzuschreibung, die sich gegen eine Menschengruppe richtete, welche selbst durch den Emanzipationsprozeß der liberalen Gesellschaft so schwer betroffen war, daß sie sich in bedeutenden Repräsentanten für tödlich gefährdet erklärte."

Nun könnte man die skurrile Hintergrundphilosophie eines bedeutend-exzentrischen Geistes auf sich beruhen lassen, wenn nicht neokonservative Zeithistoriker sich bemüßigt fühlten, sich genau dieser Spielart von Revisionismus zu bedienen;

Als Beitrag zu den diesjährigen Römerberggesprächen, die mit Vorträgen von Hans und Wolfgang Mommsen auch das Thema der "Vergangenheit, die nicht vergehen will" behandelten, bescherte uns das Feuilleton der FAZ vom 6. Juni 1986 einen militanten Artikel von Ernst Nolte – übrigens unter einem scheinheiligen Vorwand (das sage ich in Kenntnis des Briefwechsels, den der angeblich ausgeladene Nolte mit den Veranstaltern geführt hat). Auch Stürmer solidarisierte sich bei dieser Gelegenheit mit dem Zeitungsaufsatz, in dem Nolte die Singularität der Judenvernichtung auf "den technischen Vorgang der Vergasung" reduziert und mit einem eher abstrusen Beispiel aus dem russischen Bürgerkrieg seine These belegt, daß der Archipel Gulag "ursprünglicher" sei als Auschwitz. Dem Film "Shoah" von Lanzmann weiß der Autor nur zu entnehmen, "daß auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten und daß es andererseits unter den polnischen Opfern des Nationalsozialismus virulenten Antisemitismus gab". Diese unappetitlichen Kostproben zeigen, daß Nolte einen Fassbinder bei weitem in den Schatten stellt. Wenn die FAZ mit Recht gegen die in Frankfurt geplante Aufführung dieses Stücks zu Felde gezogen ist, warum dann dies?

Ich kann mir das nur so erklären, daß Nolte nicht nur jenes Dilemma zwischen Sinnstiftung und Wissenschaft eleganter umschifft als andere, sondern für ein weiteres Dilemma eine Lösung parat hat. Dieses Dilemma beschreibt Stürmer mit dem Satz: "In der Wirklichkeit des geteilten Deutschlands müssen die Deutschen ihre Identität finden, die im Nationalstaat nicht mehr zu begründen ist, ohne Nation aber auch nicht." Die Ideologieplaner wollen über eine Wiederbelebung des Nationalbewußtseins Konsens beschaffen, gleichzeitig müssen sie aber die nationalstaatlichen Feindbilder aus dem Bereich der Nato verbannen. Für diese Manipulation bietet Noltes Theorie einen großen Vorzug. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, daß sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der "asiatischen" Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht.

IV.

Wenn man sich die Zusammensetzung der Kommissionen ansieht, die die Konzeptionen für die von der Bundesregierung geplanten Museen, das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn, ausgearbeitet haben, kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß auch Gedanken des Neuen Revisionismus in die Gestalt von Exponaten, von volkspädagogisch wirksamen Ausstellungsgegenständen umgesetzt werden sollen. Die vorgelegten Gutachten haben zwar ein pluralistisches Gesicht. Aber mit neuen Museen dürfte es sich kaum anders verhalten als mit neuen Max-Planck-Instituten: Die programmatischen Denkschriften, die einer Neugründung regelmäßig vorangehen, haben mit dem, was die ins Amt berufenen Direktoren dann daraus machen, nicht mehr viel zu tun. Das schwant auch Jürgen Kocka, dem liberalen Alibi-Mitglied in der Berliner Sachverständigenkommission: "Am Ende wird entscheidend sein, welche Personen die Sache in die Hand nehmen ... auch hier steckt der Teufel im Detail."

Wer wollte sich schon gegen ernstgemeinte Bemühungen stemmen, das historische Bewußtsein der Bevölkerung in der Bundesrepublik zu stärken. Es gibt auch gute Gründe für eine historisierende Distanzierung von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Martin Broszat hat sie überzeugend vorgetragen. Jene komplexen Zusammenhänge zwischen Kriminalität und doppelbödiger Normalität des NS-Alltags, zwischen Zerstörung und vitaler Leistungskraft, zwischen verheerender Systemperspektive und unauffällig-ambivalenter Nahoptik vor Ort könnten eine heilsam objektivierende Vergegenwärtigung durchaus vertragen. Die kurzatmig pädagogisierende Vereinnahmung einer kurzschlüssig moralisierten Vergangenheit von Vätern und Großvätern könnte dann dem distanzierenden Verstehen weichen. Die behutsame Differenzierung zwischen dem Verstehen und dem Verurteilen einer schockierenden Vergangenheit könnte auch die hypnotische Lähmung lösen helfen. Allein, diese Art von Historisierung würde sich eben nicht wie der von Hildebrand und Stürmer empfohlene Revisionismus eines Hillgruber oder Nolte von dem Impuls leiten lassen, die Hypotheken einer glücklich entmoralisierten Vergangenheit abzuschütteln. Ich will niemandem böse Absichten unterstellen. Es gibt ein einfaches Kriterium, an dem sich die Geister scheiden: Die einen gehen davon aus, daß die Arbeit des distanzierenden Verstehens die Kraft einer reflexiven Erinnerung freisetzt und damit den Spielraum für einen autonomen Umgang mit ambivalenten Überlieferungen erweitert; die anderen möchten eine revisionistische Historie in Dienst nehmen für die nationalgeschichtliche Aufmöbelung einer konventionellen Identität.