Von Claudia Pai

Sommer, dreißig Grad im Schatten, Sie sonnen sich am Strand. Nur ein paar Schritte brauchen Sie, um zum Baden ins Meer zu kommen. Ein Klacks. Dabei ist jeder Ihrer Schritte das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, einer kulturhistorischen Sensation, die der Philosoph und Physiker Georg Christoph Lichtenberg vor gut zweihundert Jahren in Deutschland auslöste. Und wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, wie kompliziert es einmal war, vom Badelaken ins Wasser zu springen.

An den Kampf des deutschen Touristen mit der See und gegen hinderliche Badekonventionen erinnert „Saison am Strand“ – eine Ausstellung des Altonaer Museums in Hamburg, die das Badeleben an Nord- und Ostsee zwei Jahrhunderte lang zurückverfolgt. Der Mensch des 18. Jahrhunderts hielt die Idee, im Meer zu baden, zunächst einmal für völlig absurd. Selbst als der verpönte Gedanke allmählich populärer wurde und das erste deutsche Seebad vor zweihundert Jahren in Doberan Gestalt annahm, bauten die Menschen Badekarren und Schaluppen in und an der See auf, um sich vor ihr zu schützen, denn der Mythos verteufelte die See als gefahrbringend und gefräßig. Vielen flößte die Erinnerung an den Propheten Jonas, den bekanntlich ein Walfisch verschluckte, Furcht vor dem Meer ein.

In seinem für die Geschichte des Seebadens epochemachenden Aufsatz „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ schrieb Lichtenberg beherzt gegen die Angst vor Seeungeheuern an: „Die Fische, die einen Propheten fressen könnten, sind da (bei Cuxhaven) so selten als die Propheten. Eher könnte man die dortigen Fische vor den Badegästen warnen. Seit jeher sind zwar die Fische dort, zumal von Fremden mit großer Prädilection gespeiset worden, es ist mir aber nicht bekannt, daß je einer von ihnen das Compliment erwidert hätte.“

Vor Lichtenberg wurde schon der Juister Inselpastor Gerhard Otto Christoph Janus im Kampf fürs deutsche Seebad aktiv. Doch Janus konnte den alten Fritz nicht begeistern. Seine Petition an den Preußenkönig – das älteste deutsche Dokument zur Bädergeschichte – ist umrahmt von Meeresschaumpfeife und frommer Lektüre in einer Vitrine des Altonaer Museums zu sehen. Bis zu faden Reißbrettresultaten wie Damp 2000 an der Ostsee war es noch ein weiter Weg.

Erst um 1800 setzt sich das Seebad durch, das Aufklärer einer badefeindlichen Rokokogesellschaft zum Trotz propagierten. Frei nach Euripides – „Das Meer spült alles Übel ab“ – warben sie mit der heilenden Wirkung des Seewassers. An der Kampagne für das Meerbaden beteiligten sich die schlesische Ärztefamilie Hahn, bekannt als die „Wasserhahns“, ebenso wie John Locke und Jean-Jacques Rousseau, die kalte Waschungen empfahlen und Schwimmanleitungen verfaßten.

Welch später Erfolg ihren Bemühungen im 20. Jahrhundert beschieden sein sollte, konnten sie nicht ahnen. Allein mit einhunderttausend Touristen im Jahr hat Wyk auf Föhr fertigzuwerden; ganze 61 erschienen 1819 im Gründungsjahr des Seebades. Diese setzten sich dem Wagnis „Seebaden“ nur auf Badeschaluppen aus, die aufs Meer hinaussegelten, wo der Badewillige in einem Holzkasten aus Gitterwerk so tief, wie sein Insasse es wünschte, ins Meer hinabgetaucht wurde. Dieses Verfahren degradierte Nord- und Ostsee mehr oder weniger zu Badewannen; ein beklagenswerter Zustand, der sein Ende mit der Einführung von Badekarren fand – rollenden Umkleidekabinen, die von Pferden oder Badeofficianten ins Meer gezogen wurden. Währenddessen entkleidete sich der Badegast und verließ unbesehen über eine Hintertreppe den Karren – die Schicklichkeit blieb gewahrt.

Auch der Badeanzug für Frauen entsprach eher den prüden Gesellschaftsnormen des vergangenen Jahrhunderts denn rationalen Überlegungen oder dem Überlebenswillen seiner Trägerin. Umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen waren überdies notwendig, die eine Westerländer Badewärterin um 1900 in ihren Erinnerungen festgehalten hat: „Es gab Damen, die außer einem sackförmigen Badeanzug mit Rüschen und Spitzen noch lange Hosen, zwei bis drei Kappen über dem Haar und dazu Schuhe und Strümpfe brauchten, um dann ins Wasser zu gehen. Alle wurden an eine Leine gelegt, und unter Aufsicht mehrerer Badewärterinnen durften dann die Damen bis zu den Waden ins Wasser. Gingen sie etwas tiefer, so bis über die Knie hinein, so wurde von der Badewärterin sofort Alarm getutet.“

Für Sitte und Anstand am Damenbadestrand sorgte eine rote Flagge; wurde sie gehißt, durften Männer den Strand nicht mehr betreten. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts führte man das Familienbad ein; das freie Baden vom Strand aus wurde seit den zwanziger Jahren erlaubt. Und seit Beginn der vierziger Jahre feierte der schon bei den Römern bekannte Bikini – nach einer Pause von mehr als 1600 Jahren – sein glanzvolles Comeback. Doch noch 1932 zügelte eine Polizeiverordnung, die als Zwickelerlaß in die Geschichte einging, allzu freizügig geschnittene Bademodelle.

Wie fatal sich das Tragen von Badekleidung auswirken konnte, zeigt der Fall von Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske, die sich in kurzen Militärbadehosen ablichten ließen. Das Photo, das im August 1919 in der Berliner Illustrirten Zeitung erschien, führte zu einer Polemik gewaltigen Ausmaßes gegen Ebert und die ungeliebte Republik. Von dem politischen Schaden, den das Photo anrichtete, war noch Hitler viele Jahre später so beeindruckt, daß er anordnete, kein Politiker dürfe sich offiziell in Badehose sehen lassen.

1932 verbot der Innenminister per Erlaß das öffentliche Nacktbaden, für das die sogenannten „Lebensreformer“ seit gut dreißig Jahren eintraten. Zu den eifrigsten Verfechtern der Nacktkultur im Wilhelminischen Reich zählte der Maler und Vegetarier Karl Wilhelm Diefenbach, der in einem bayerischen Steinbruch wohnte und Zeitgenossen als „Kohlrabi-Apostel“ geläufig war. Nudisten, die sich selbst als „Lichtmenschen“ bezeichneten, gründeten 1906 die Loge A.N.N.A., ein Kürzel, das für „Aristokratische-Nudo-Natio-Allianz“ stand. Zwei Jahrzehnte später zählte der Nudisten-Reichsverband schon mehr als 20 000 Mitglieder. Im Jahre 1942 wurde das Nacktbaden per Polizeiverordnung an ausgeschilderten Strandabschnitten erlaubt. Ein Erfolg für die „Lichtmenschen“.

Doch schon tauchen neue Probleme auf. Nach Tschernobyl befürchtete die Bunte einen „verseuchten Urlaub“ und schickte Reporter mit Geigerzählern an die Strände. „Mallorca, Mai ’86, 0,0056 Millirem“ ermittelten die Journalisten. Kein Grund zur Sorge. Denn auch der Wert auf der Brust des Präsidenten der Wasserskischule Mondsee ist beruhigend niedrig: „0,0048 Millirem.“ Fazit der Illustrierten: „An den Stränden braucht niemand Angst zu haben.“

Doch ob wir jemals wieder so unbekümmert Urlaubsgrüße verschicken können wie Thildchen Vogt, sei dahingestellt: „Hier gut angekommen. Viele Seekranke. Jetzt sitzen wir beim Kaffeetrinken. Gleich geht die Tour weiter zum Strand. Mit Gruß Thildchen Vogt, Westerland 1908.“

Die Ausstellung „Saison am Strand – 200 Jahrs Badeleben an Nord- und Ostsee“ Ist noch bis zum 31. August Im Altonaer Museum zu sehen. Der Katalog Kostet 29,80 Mark.