Wachwechsel bei Deutschlands größter Gewerkschaft: IG-Metall-Chef Hans Mayr tritt im Herbst ab

Eine Ära geht zu Ende. Wenn IG-Metall-Chef Hans Mayr im Oktober den Vorsitz der größten Einzelgewerkschaft der Welt an seinen Stellvertreter Franz Steinkühler abgibt, ist dies mehr als ein normaler Personalwechsel. Es ist der Abschied von jenem Typus des Gewerkschafters, der das Bild der Arbeitnehmerorganisationen in der Vergangenheit geprägt hat. Denn obwohl Mayr seiner Herkunft nach eigentlich nicht dem Klischee des Arbeiterführers entspricht – er stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus stehen seine Politik, sein Umgang mit den Kollegen, seine öffentlichen Auftritte doch unverkennbar in der Tradition des gewohnten gewerkschaftlichen Habitus.

Der 64jährige Mayr ist einer der letzten alten Kämpen in den Gewerkschaften, zupackend, verläßlich und manchmal poltrig, einer jener Männer, denen die Bundesrepublik ihren wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Krieg zu verdanken hat. Sein Vorgänger Eugen Loderer, der frühere ÖTV-Chef Heinz Kluncker und der einstige DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter – sie alle und viele andere vor und neben ihnen gehören zu der Generation, die das soziale Klima entscheidend geprägt haben. Ihre Basis waren die Arbeiter an den Fließbändern, die Werkzeugmacher, die Müllmänner.

Heute sitzt in den Spitzen der Gewerkschaften schon vielfach eine neue Mannschaft. Intellektuelle, Technokraten, auch Ideologen, die mit den alten Haudegen der Vergangenheit nur noch wenig gemein haben. Männer – und einige wenige Frauen –, denen die Arbeitswelt der Angestellten und Techniker nicht mehr fremd ist.

Der 49jährige Franz Steinkühler, der im Herbst dieses Jahres aller Voraussicht nach das Szepter in der IG Metall übernehmen wird, ist einer der typischen Vertreter dieser neuen Garde. Zwar ist er nicht der Ideologe, den viele in ihm sehen wollen, sondern ein erfahrener Taktiker und ein Pragmatiker. In jedem Fall ein Funktionär, dessen Sprache und dessen Vorstellungen von Gewerkschaftsarbeit den modernen Anforderungen an eine effiziente Interessenvertretung gewachsen sein wird. Ihm könnte es gelingen, die Intelligenz der Arbeitnehmer stärker einzubeziehen und so die Basis der Gewerkschaften zu verbreitern.

Mit ihm könnte sich das arg lädierte Verhältnis der IG Metall zu den Arbeitgebern wieder bessern. Zwar ist Hans Mayr durchaus ein Mann des Gesprächs, den seine Verhandlungspartner auf der anderen Seite stets als vertrauenswürdigen, kompetenten Kontrahenten schätzten. Doch der Wechsel bietet die Chance, die Querelen der Vergangenheit zu vergessen und einen neuen Anfang zu wagen.

Ähnliches gilt für das innergewerkschaftliche Klima. In jüngster Zeit hat es unter den Organisationen im Deutschen Gewerkschaftsbund zum Teil heftige Auseinandersetzungen gegeben. Die neue Spitze der mächtigen IG Metall könnte und sollte auch hier um einen neuen Weg zu gemeinsamen Strategien aller siebzehn Schwestern unter dem Dach des DGB bemüht sein.

Die Zeit des Übergangs von der alten zur neuen Generation ist nicht ohne Friktionen gewesen. Das gilt für Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, die derzeit eine ähnliche personelle Entwicklung durchmachen, ebenso wie für die Parteien. Die Männer der ersten dreißig Jahre der jungen Bundesrepublik waren ohne Zweifel erfolgreich. Jetzt muß die junge Generation beweisen, daß ihr Stil und ihre Politik sich in einer veränderten Situation ähnlich bewähren.

Hans Mayr hat mit Sicherheit gut daran getan, seinem geheimen Wunsch, die Fäden noch eine Weile in der Hand zu behalten, nicht nachzugeben. Seine Verdienste um die Organisation sind groß. Doch der Wechsel wird der IG Metall guttun. Die Zeit für neue Männer und neue Ideen ist reif.

Erika Martens