Von Dietrich Strothmann

Zur Bombe gehörte die bombastische Erklärung: In der Nähe des Tatorts in Straßlach bei München, wo ein Kommando der RAF den Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und dessen Fahrer Eckhard Groppler durch eine Bombe getötet hatte, fanden Fahnder ein sieben Seiten langes Schriftstück, unter dem Titel: „Die aktuellen strategischen Projekte der politischen, ökonomischen und militärischen Formierung des imperialistischen Systems in Westeuropa angreifen“.

Die Länge des Papiers deutet nach erster Durchsicht der Sicherheitsexperten darauf hin, daß die „Rote Armee Fraktion“ unter einem sonst nicht bekannten Rechtfertigungsdruck und Begründungszwang steht. Früher sprach die Tat für sich selbst, genügte ihr in der Regel der Anschlag – ohne große, unverständliche, langatmige Worte. Den Inhalt des jetzt gefundenen Schriftstücks, der sich weniger mit dem Opfer, dem Forscher Beckurts, hauptsächlich mit dem „kapitalistisch-imperialistischen System“ befaßt, stufte ein Verfassungsschützer als den schwerverständlichen „Besinnungsaufsatz eines Abiturienten über Politik“ ein. Dort stehen solche Bandwurmsätze:

„Die Situation ist, daß das internationale Kapital unter Führung der USA aus seinem Versuch der strategischen Rekonstruktion imperialistischer Macht auf allen Ebenen heute mit einer Entwicklung konfrontiert ist, in der seine Unfähigkeit zur Stabilisierung der politischen und ökonomischen Lage in allen Regionen der Welt evident ist.“

Beschrieben wird, Seite um Seite, in einem pseudopolitischen, ideologisch-verqueren Jargon eine Welt, wie sie abstruser nicht vorstellbar ist – eine Welt, die angeblich wegen SDI, Wackersdorf, Streikrecht und Arbeitslosigkeit kurz vor dem Zusammenbruch steht, also reif für die Revolution ist. Darum der „bewaffnete Kampf“ der RAF gegen das verhaßte, als bankrott vermutete System, darum der Mord an dem Siemens-Forscher Beckurts. Die Täter hielten vielleicht auch deshalb eine so langatmige Erklärung für nötig, weil er nicht in der vordersten Reihe der Prominenz stand.

Terrorismus-Sachbearbeiter geben noch einen anderen Grund für den ungewöhnlichen Umfang des Mordbekenntnisses an: Nach der „Hinrichtung“ Ernst Zimmermanns, des Vorsitzenden der Münchner Motoren- und Turbinen-Union, durch ein RAF-Killerkommando im Februar 1985 und der Ermordung des zwanzigjährigen US-Soldaten Edward Pimental bei Wiesbaden im August des letzten Jahres, war unter den Sympathisanten der „Roten Armee“ ein heftiger Streit über den Sinn solcher Aktionen entbrannt. Schon damals waren die Täter gezwungen gewesen, sich in umfangreichen Stellungnahmen zu rechtfertigen. Vorgehalten wurde ihnen auch von ausländischen Gesinnungsfreunden, so aus dem Kreis der französischen „Action Directe“, daß sie nur noch in „militärischen Kategorien“ argumentierten und nicht mehr mit marxistisch-leninistischer Terminologie. Das haben sie diesmal umständlich nachgeholt und ihr Soll mehr als erfüllt. Was durch die spektakuläre Tat allein, den brutalen Mord, nicht verstanden wird, soll durch den verworrenen ideologischen Überbau begreiflich werden.

Nach der ersten Aufregung und Empörung unter Politikern, den voreiligen, vorschnellen Erklärungsversuchen von Strafverfolgern und Ministerialbeamten geben inzwischen die nüchternen Analysen und besonnenen Empfehlungen der Sicherheitsexperten den Ton an.