Eine umsichtige Nutzung der Kernenergie bleibt notwendig

Von Karl Heinz Beckurts

Der schwere Reaktorunfall in der Sowjetunion hat Ängste und Sorgen ausgelöst. Wohl niemanden, der ernsthaft über die Nutzung der Kernenergie nachdenkt, hat das Unglück von Tschernobyl unbetroffen gelassen. Dabei war und ist die Beunruhigung in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland weitaus stärker als in irgendeinem anderen Land der Welt.

Die Kontroverse über Notwendigkeit und Verantwortbarkeit der Kernenergienutzung, die bereits in den siebziger Jahren heftig geführt worden war, ist wieder voll entbrannt. Die Forderung nach dem „Ausstieg“ steht im politischen Raum. Aber wir müssen uns davor hüten, aus der momentanen Stimmung heraus eine Entscheidung zu fällen, die der Bundesrepublik Deutschland als Industriestaat die Zukunft verbaut.

I. Ein erheblicher Teil der flüchtigen Spaltprodukte aus dem russischen Reaktor wurde zunächst durch südliche Luftströmungen nach Skandinavien, später durch östliche Strömungen nach Mitteleuropa transportiert; Regenfälle führten dann zum Niederschlag der Aktivität auf dem Erdboden. Infolge der starken Gewitterregenfälle am 30. April gehört Süddeutschland zu den am stärksten betroffenen Gebieten Westeuropas. Es hat zweifellos zur Beunruhigung der Öffentlichkeit beigetragen, daß die Möglichkeit einer so starken radioaktiven Belastung des Bundesgebietes noch wenige Tage vorher, also unmittelbar nach Bekanntwerden des Unfalls, von Fachleuten und Politikern nicht erkannt worden war. Dies hing mit der ganz ungewöhnlichen Wetterlage, das heißt der Ausbildung einer extrem starken Ostströmung mit den anschließenden Niederschlagsneigungen zusammen; vor allem aber mit dem Mangel an Informationen durch die UdSSR: Es wurde zu spät erkannt, daß Spaltprodukte durch den Graphitbrand in extrem große Höhen gerissen wurden und damit wirksame Mechanismen des Ferntransports möglich wurden.

Mittlerweile liegen umfassende Auswertungen der bereits eingetretenen oder noch zu erwartenden radiologischen Belastungen der Bevölkerung als Untersuchungen der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in München und in Form von Berichten und Stellungnahmen der Strahlenschutzkomission, der Bundesärztekammer und des Bundesgesundheitsministeriums vor.

Die GSF hat – bezogen auf die Falloutwerte im Bereich München, die deutlich über den Durchschnittswerten für das Bundesgebiet liegen, als „effektive Lebenszeit-Äquivalenzdosis“ für Kinder (0-10 Jahre) einen Wertebereich von 300 bis 600 millirem, für Erwachsene von 150 bis 400 millirem, errechnet. Hierbei sind sowohl Belastungen durch externe Bestrahlung wie durch interne Bestrahlung – sowohl über die Nahrungskette wie über Inhalation – berücksichtigt. Diesen rund 0,5 rem stehen im Mittel der nächsten 50 Jahre Belastungen aus natürlicher Strahlung von 5 bis 10 rem gegenüber (ohne die Innenraumbelastung durch Radon), also mehr als zehnmal soviel. Dabei schwankt die Untergrundbelastung durch natürliche Strahlung ganz erheblich je nach Bodenbeschaffenheit und Höhe des Wohnorts (sie beträgt 95 millirem/Jahr in Bremen, jedoch 207 millirem/Jahr im Kreis Wunsiedel in Oberfranken).