Die Autofahrer können darauf viel gelassener warten, schießlich sind ihre Tankvorräte eng begrenzt. Wenn es in diesem Jahr selbst zur Ferienzeit außergewöhnliche Preisnachlässe gegeben hat, dann dürften sie aber geringer ausgefallen sein, als nach dem Rohölmarkt möglich. Doch nach dem Ende der Reisewelle könnte auch Treibstoff noch billiger werden. Immerhin haben die Autofahrer bereits im ersten Halbjahr fast sechs Milliarden Mark weniger bezahlen müssen für Benzin und Diesel als in der gleichen Vorjahreszeit, weil Kraftstoffe nach Berechnungen der Esso im Durchschnitt um 27 Pfennig pro Liter billiger waren. Insgesamt haben die Verbraucher nach Schätzungen des Ölkonzerns von Januar bis Juni gut acht Milliarden Mark weniger für Mineralölprodukte bezahlen müssen.

Den Saudis gebührt der Dank. Als sich die Herrscher des Königreichs im vergangenen Dezember entschlossen, die Rolle des Ausputzers im Kartell aufzugeben und ihre Förderung, die auf eine Restgröße von zwei Millionen Barrel pro Tag geschrumpft war, wieder anzukurbeln, lösten sie die Turbulenzen auf den internationalen Märkten und in der Opec aus. Inzwischen produzieren sie die dreifache Menge, zur Freude der Verbraucher und zum Ärger nicht nur der Kartellbrüder, sondern auch anderer Ölanbieter wie England, Norwegen und natürlich Mexiko.

Der Streit offenbart alte Fronten im Kartell. Während Staaten wie Libyen, Iran und Algerien schon immer darauf bedacht waren, die Preise möglichst hoch zu halten und die Mengen danach auszurichten, verfolgten Saudi-Arabien, Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate eine andere Strategie: geringere Erlöse, um einen höheren und vor allem dauerhaften Absatz zu halten. Die Falken suchen den kurzfristigen Vorteil, weil ihre Ölreserven relativ gering sind und nicht nur die kriegführenden Staaten Iran und Irak einen hohen Finanzbedarf haben. Die Tauben wollen dagegen noch in 50 Jahren Öl verkaufen, denn sie sitzen auf großen Vorräten. Bis zum Dezember vergangenen Jahres hat sich Saudi-Arabien als Hauptanbieter zurückgehalten und seine Förderung, wenn nötig, gedrosselt, um den noch immer geltenden Listenpreis von 28 Dollar pro Barrel zu retten.

Doch dann riß den Herrschern im Königreich offensichtlich der Geduldsfaden, schließlich mußten sie jahrelang mit ansehen, wie die Nordseestaaten und andere Anbieter ihnen die Kunden wegschnappten und die Ölverbraucher immer erfolgreicher Energie sparten oder andere Rohstoffe einsetzten. Ihnen war klargeworden, daß ein Preis zwischen 15 und 20 Dollar gerade angemessen ist, um die eigenen Interessen auch langfristig verfolgen zu können. Da sie keine Übereinstimmung zwischen den Anbietern erzielen konnten, entschlossen sie sich zur Vorwärtsstrategie. Mit der Forderung nach einem fairen Marktanteil, drehten sie die Pumpen auf und brachten den Ölmarkt durcheinander.

Klare Signale

Einen gewissen Erfolg haben sie damit bereits erzielt. Immerhin zeigen einige Staaten bereits "Wohlverhalten". Die Anbieter aus Staaten, die nicht der Opec angehören, haben ihr Angebot nicht wie beabsichtigt ausgeweitet. Das Signal war klar: Wir setzen unsere Menge ab, zu welchem Preis auch immer. Macht ihr euch Gedanken über eure Politik. Selbst der Verbrauch steigt weltweit wieder an, schätzt Heinz Jürgen Schürmann, ohne dies bereits statistisch belegen zu können. Die Opec dürfte inzwischen 18 Millionen Barrel pro Tag verkaufen, die Menge, die als Gesamtabsatz auf den Treffen dieses Jahres bereits festgelegt wurde, ohne daß sich die einzelnen Mitglieder auf ihre jeweilige Quote einigen konnten.

Tatsächlich wächst der ökonomische Druck auf die Mitglieder des Kartells denn auch beträchtlich. Der Zwang zur Einigung ist groß, weil alle verlieren. Zu Beginn der achtziger Jahre, in ihren besten Zeiten, kassierten die 13 Staaten noch 285 Milliarden Dollar im Jahr für ihr Öl, im vergangenen Jahr war es nicht einmal mehr die Hälfte. Und bei dem gegenwärtigen Preisniveau werden es in diesem Jahr nicht einmal mehr 100 Milliarden Mark sein.