Von Roland Kirbach

Wer derzeit das zugkräftigste Pferd im Stall der EMI Electrola ist, läßt sich schon in der Eingangshalle des Kölner Schallplattenkonzerns unschwer erraten. Pinkfarbene Plakate mit seinem Namen, bunte Poster mit seinem Konterfei springen einen förmlich an: Herbert Grönemeyer. Auf jeder Etage, in jedem Flur des Hauses: Herbert Grönemeyer. Auf kleinen Tafeln in den langen Gängen werden mit Kreide die Verkaufszahlen seiner neuesten Langspielplatte "Sprünge" auf dem aktuellsten Stand gehalten. "12. 6. Herbert Grönemeyer Platin", steht da beispielsweise. In weniger als drei Monaten, heißt das, wurde die Platte bereits über 500 000mal verkauft.

Das amerikanische Magazin Time das ihm unlängst einen ganzseitigen Artikel widmete, bestaunte Grönemeyers Erfolg als "nationales, Phänomen" und ernannte ihn, wohl nicht zu Unrecht, zu "Westdeutschlands erfolgreichstem Popsänger". Mit seinem Hit "Männer", einer halb spöttischen, halb liebevollen Eloge auf das starke Geschlecht, und seiner LP "4630 Bochum" hat er sich vor zwei Jahren an die Spitze der deutschen Rockmusikszene befördert und avancierte zu "einer charismatischen Figur für junge Deutsche" (Time). Über 1,5 Millionen Exemplare von "Bochum", jener gegen den Strich gebürsteten Liebeserklärung an seine Heimatstadt ("Bist ’ne ehrliche Haut, leider total verbaut"), wurden bisher abgesetzt.

Seitdem haben es sich die Medien zur Aufgabe gemacht, das "Phänomen" zu erklären. Er selbst findet die Versuche, "den Grönemeyer nachzutexten", eher belustigend und amüsiert sich über die vielen Klischees, die über ihn in Umlauf sind.

In Jeans, Turnschuhen und buntem Hemd sitzt er in der "Künstlerkantine" der Plattenfirma und wirkt wesentlich kleiner und natürlicher, als die Poster hier überall suggerieren wollen. "Erfolg ist was Eigenständiges, was Aufgeblasenes", sagt er. Er sei bemüht, sich möglichst wenig davon beirren zu lassen. "Natürlich mußt du aufpassen", meint er, "daß du nicht abhebst, wenn du plötzlich ununterbrochen gesagt bekommst: Das, was du machst, ist was Besonderes." Aber die Menschen im Ruhrgebiet, wo er noch immer seinen ersten Wohnsitz hat, würden ihn dann schon auf den Teppich zurückholen: "Die haben ein sicheres Gespür für das, was wichtig ist im Leben und was nicht." Des Rummels über ihn wohl überdrüssig, sprühte ein Unbekannter kürzlich in Bochum an eine Wand: "Sperrt Grönemeyer ein!" Ja, das könne er verstehen, meint er.

Weil er nicht zum Idol stilisiert werden will, lehnt er es ab, Fragen nach seinem Privatleben zu beantworten. Photographen haben keinen Zutritt zu der Kölner Wohnung, die er mit seiner langjährigen Freundin, der Schauspielerin Anna Henkel, bewohnt. Als sich im westfälischen Nordwalde angeblich ein Fanclub gegründet hatte, fuhr er nach einem Konzert in München einmal dorthin. Erst als er erfuhr, daß die jungen Leute, unter Leitung des Dorfpfarrers, seine Lieder als Anregung für Diskussionen nutzen und sich kritisch mit ihm auseinandersetzen, war er beruhigt.

Warum das mit ihm "auf einmal so abging", weiß er nicht schlüssig zu erklären. "Es klingt vielleicht sehr eitel", sagt er, "aber ich mache Musik nur für mich. Sie hilft mir, Spannungen abzubauen. Ich singe unheimlich gern." Und die Texte, die er wie die Kompositionen alle selbst verfaßt, "schreibe ich so, wie ich mich unterhalte". Viele seiner Sangeskollegen wollten ihr Publikum belehren. Das findet er furchtbar: "Die reagieren dann sauer, wenn die Leute bei einem politischen Lied mitklatschen. Musik ist doch Ausdruck von Leidenschaft. Musik soll Laune machen, und das muß nicht nur heißen: ‚Live is Life‘ oder ‚Schwarzwaldklinik‘."

Dieses "Kopflastige", den gerade auch in der Rockmusik so oft erhobenen Zeigefinger hält er für eine Bevormundung des Publikums. Ihm selbst wurde, insbesondere zum "Männer"-Song, häufig der Vorwurf gemacht, daß er es an Eindeutigkeit fehlen lasse. "Männer kaufen Frauen, Männer steh’n ständig unter Strom, Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telephon ... Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar ... sind auch Menschen ... sind etwas sonderbar ..." Ob das denn nun ein Lied für oder gegen Männer sei, wurde er oft gefragt. "Mein Gott", kann er dazu nur sagen, "soll ich denn singen: Männer sind böse, Männer unterdrücken Frauen?"

Seine Texte sind einfach und klar und doch nie platt. Er liebt unkonventionelle Bilder und Pointierungen. Und die Musik, von einer fünfköpfigen Begleitband gespielt, ist rockig und dennoch melodisch. Sie zeichnet sich vor allem durch die ausgeprägten Klangfarben der Tasteninstrumente aus – Grönemeyer selbst bearbeitet auf der Bühne die Keyboards wie ein Maniac – sowie durch harte Rhythmen und unerwartete Sprünge. Dazu singt er mit seiner hellen, bebenden und sich zuweilen überschlagenden Stimme.

Angefangen hat die Karriere vor dreizehn Jahren im Theater. Peter Zadek hatte den damals 17jährigen, am klassischen Piano geschulten Gymnasiasten für eine Rolle in seinem "Beatles"-Musical ans Bochumer Schauspielhaus geholt. Kurz darauf, nach dem Abitur, engagierte ihn der Regisseur als Bühnenmusiker und musikalischen Leiter. Grönemeyer komponierte und arrangierte die Musik für mehrere Zadek-Produktionen und spielte, ohne je Schauspielunterricht erhalten zu haben, unter anderem in "Frühlingserwachen" und "Kaufmann von Venedig".

"Das war eine heiße Zeit", sagt er rückblickend. "Der Zadek hat tierisches Theater gemacht, kein Bildungstheater, sondern Unterhaltungstheater."

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Grönemeyer vor vier Jahren bekannt durch seine Rolle als Leutnant Werner in Wolfgang Petersens Kino-Hit "Das Boot" sowie, mit Nastassja Kinski als Partnerin, im Fernsehspiel "Frühlingssinfonie", in dem er den Komponisten Robert Schumann spielte. "Na ja", wehrt er ab, "daß das der Grönemeyer war, wußten die Leute nicht; die kannten höchstens mein Gesicht, aber nicht meinen Namen. Das kam erst im nachhinein, als die Musik erfolgreicher wurde als die Schauspielerei."

Mittlerweile hat er sich ganz aufs Musizieren verlegt, und das hat nicht nur damit zu tun, daß er das Theater heute für konservativer und experimentierfeindlicher hält, als es in den 70er Jahren war: "Theater wird heute immer mehr der Oper angeglichen", meint er. Doch unabhängig davon hat er sich ohnehin nie als singender Schauspieler verstanden, sondern umgekehrt als schauspielernder Musiker.

Leicht einordnen läßt er sich dennoch nicht. Den Begriff Rockmusiker, wie sich viele seiner Kollegen nennen, lehnt er für sich ab. Rockmusik habe ihre Wurzeln in der englischen Arbeiterbewegung. "Aber was die in Liverpool gemacht haben", urteilt er, "das haben wir doch alle nicht in uns. Wir kommen alle aus bürgerlichen Verhältnissen."

Sein Vater ist Ingenieur, ein typischer Ruhrgebietssohn mit Arbeiterhintergrund sei er nicht. Natürlich greife er auch politische Themen auf, auf seiner neuen LP "Sprünge" mehr denn je. Da singt er etwa vom wiedererwachten deutschen Nationalstolz ("Wir gemeinden Schlesien wieder ein") oder von der Apartheid in Südafrika ("In den Lagern weint die Wut, weiße Übermacht, wir sitzen weich und sehen zu"). Aber "in der Anlage", meint er, sei er "nicht sonderlich radikal".

Seine "Botschaften" sind ihm zwar wichtig, aber "Musik und Text müssen ein Ganzes bilden", meint er. Vielen Kollegen, vor allem Liedermachern, wirft er vor, daß sie die Musik "nur zur Stützung der Texte einsetzen", wie langweilig. Daß er hingegen ein Musiker mit Leib und Seele ist, wird vor allem bei seinen Auftritten deutlich.

Soeben hat er eine dreimonatige Konzert-Tournee beendet, doch von Routine ist selbst im Abschlußkonzert in der Duisburger Rhein-Ruhr-Halle nichts zu spüren. Breitbeinig steht er hinter dem elektrischen Klavier oder springt, fast schon überdreht, auf die Bühne. Man spürt, daß er nicht nur an seiner Musik, sondern auch an seinem Publikum Freude hat. Und das Publikum an ihm. Die Bässe lassen den Boden und die Körper vibrieren. Alle in der Halle scheinen die Texte auswendig zu kennen, und die meisten sind nach drei Stunden genauso erschöpft und heiser wie "Herbie".

"Live-Auftritte sind das ursprünglichste Erlebnis von Musik", sagt er und bedauert, daß die Tournee zu Ende ist. Natürlich sei das auch strapaziös, und er möchte jetzt erst mal ein Weilchen einfach nichts tun. "Aber die Arbeit am Hochofen ist viel anstrengender", fügt er hinzu. "Dagegen haben wir Musiker es doch gut: Zu uns kommen jeden Abend Hunderte von Leuten und beklatschen unsere Arbeit."