Auch wenn er Beziehungen spielen und kleine Minen springen läßt, wird Herbert Hupka vermutlich nicht in den Bundestag zurückkehren. Doch was er als politische Ranküne und schnöden Undank hinzustellen versucht, ist in Wahrheit vor allem eine Wachablösung. Die Zeit des siebzigjährigen CDU-Abgeordneten und Vertriebenen-Politikers ist einfach abgelaufen; Jüngere drängen nach vorn. Da hat es in diesen Wochen und Monaten, in denen die Parteien ihre Wahlkreiskandidaten aufgestellt und bis auf einige Ausnahmen auch schon ihre Landeslisten komponiert haben, manches kleinere und größere Drama gegeben, wie gewöhnlich.

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Solche Versuche, massiv oder subtil, sind aber schon seit langem zweischneidig, wenn nicht sogar kontraproduktiv geworden; in allen Parteien vermerkt sie die Basis übel, wie schon jede Einflußnahme. Selbst bei einem Willy Brandt gelang es nicht, kleinkarierter Einzelumstände wegen, ihn in Rheinland-Pfalz aufzustellen, wo er wohnt; Brandt wird wieder über die Landesliste der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten ins Parlament einziehen – Johannes Rau zuliebe auf dem zweiten statt dem ersten Platz der NRW-Liste. Oder Michaela Geiger von der CSU: Selbst eine vorsichtige Empfehlung durch niemand Geringeren als Franz Josef Strauß hat sie keineswegs vor einer Kampfabstimmung in ihrem Wahlkreis bewahrt. Sie hat nur ganz knapp gewonnen – aber nun haben die Christlich-Sozialen zum ersten Mal seit den sechziger Jahren wieder eine Direktkandidatin, eine Zierde am krachledernen Habit ihrer Partei.

Ein rundes Fünftel der Volksvertreter, so schätzt man, wird nach dem 25. Januar 1987 neu sein. Das wäre, wenn die Wähler diese Schätzung bestätigen, ganz normal. Auffälliger ist schon, daß sich bei den Novizen diesmal nur wenige schon weithin bekannte Namen finden: bei der CDU nur Rita Süssmuth und Kurt Biedenkopf, bei der SPD Hans Koschnick, bei der FDP allein Martin Bangemann. Ohnehin wird sich, wie die Bonner Spötter sagen, die künftige freidemokratische Bundestagsfraktion von der alten im wesentlichen bloß dadurch unterscheiden, daß sie um vier Jahre älter geworden ist.

Viel markanter sind die Abgänge, zumal bei der SPD. Denn zugleich mit Helmut Schmidt verläßt eine Reihe von Sozialdemokraten das Parlament, die, trotz aller Abstufungen, zu den „Schmidtianern“ gehörten: Hans Matthöfer, einst Minister in drei Ressorts, einer der wirklich Getreuen; Adolf Schmidt, ehedem Vorsitzender der IG Bergbau; Helmut Rohde, früher einmal Bildungsminister, darauf Chef der Partei-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen; Antje Huber, ehemalige Familienministerin; auch Egon Franke, lange Zeit Boß der „Kanalarbeiter“, die es in der alten Form ohnehin nicht mehr gibt. Die Liste wäre noch durch manchen anderen Namen zu ergänzen.

Bei der CDU kandidiert – mit welchen Gefühlen? – Rainer Barzel nicht mehr, ehemals Fraktionschef und Parteivorsitzender, schließlich Bundestagspräsident; ein herber Verlust ist der Verzicht von Paul Mikat, dem stillen Ratgeber und Vermittler hinter vielen Kulissen; als Sozialpolitiker wird Adolf Müller (Remscheid) fehlen. Und bei der FDP geht, „so lange das noch Ehre bringt“, Josef Ertl, einst fast 14 Jahre Landwirtschaftsminister, einer der wenigen – der letzten? – mit Ecken und Kanten.

Im ganzen gehen viele – oder müssen gehen –, die zu den Bewahrern, Weiterführenden, auch Reformern nach der Bonner Gründergeneration zählen. Die Prominenten unter ihnen werden noch Abschiedsfanfaren begleiten.

Josef Bugl von der CDU hingegen ist weder altgedient noch weiterführende Generation, noch prominent, sondern erst in der zweiten Legislaturperiode im Parlament. Aber der Abgeordnete aus Mannheim ist – war – hochgeschätzter Vorsitzender der Enquete-Kommission „Technologiefolgenabschätzung“, einer der wenigen im Bundestag, die sich mit ebenso wichtigen wie langfristigen Problemen beschäftigten, jenseits der Schlagzeilen. Und er gehört auch zu den wenigen Naturwissenschaftlern von Graden, an denen es der Volksvertretung angesichts der Zukunftsprobleme immer mehr fehlt.

Doch wenn in seinem, von der SPD gehaltenen, Wahlkreis kein Wunder geschieht, wird er nicht zurückkehren; seine Partei hat ihm nur einen chancenlosen Listenplatz eingeräumt. Das sind die wahren kleinen Dramen und echten Verluste, anders als die Pseudotragödie, die Herbert Hupka zu inszenieren versucht.

Carl-Christian Kaiser