Der Parteichef ist kein Mann mit einem Meisterplan

Von Gunter Hofmann

Südfrankreich, im Juli

Willy Brandt rückt mehr in den Hintergrund, er will das auch so. Während der Kanzlerkandidat Johannes Rau quer durch die Republik reist, um für sich zu werben, schreibt Willy Brandt mit seinem Filzstift auf, was er der SPD während des Parteitages Ende August in Nürnberg sagen möchte.

Zum Beispiel will er sagen, daß er Erhard Eppler oder auch Oskar Lafontaine dankbar ist, weil sie, was Ökologie, Kernenergie oder Abrüstung betrifft, über die Jahre nicht lockerließen, obwohl sie in der Minderheit waren. Der SPD-Vorsitzende feilt an dem Text, dazu will er auch keinen ghostwriter, er legt nach seiner Art die Worte lieber selber auf die Goldwaage.

Johannes Rau hat kürzlich wieder einmal daran gedacht, den Bettel hinzuschmeißen. Mäkeleien in der Düsseldorfer SPD, der Ärger mit der Neuen Heimat und der Ebert-Stiftung, Streit um Sicherheitspolitik und Kernenergie – es kam wieder alles zusammen. Aber wie er so ist, predigte er wenig später mit verblüffender Beharrlichkeit, im Blick auf die Wahl 1987 sollten die Genossen einmal "die Fragen weglassen, wie soll es denn klappen", sondern einfach gutgelaunt mitmachen – wie er.

Währenddessen bleibt für viele Sozialdemokraten, auch wenn sie Rau schätzen, Willy Brandt der Orientierungspunkt; für manche die Nummer eins; für nicht wenige ein Mythos, jedenfalls der Mann, mit dem Rau zurechtkommen und sich arrangieren muß. Gelegentlich ist schon wieder die Klage zu hören, der Vorsitzende halte dem Kandidaten nicht genügend "den Rücken frei", ein Vorwurf, den Brandt schon aus früheren Jahren kennt. Einige, die sich um Raus Erfolg und Autorität Sorgen machen, beobachten auch eine Haltung in der SPD, die ihnen mißbehagt. Danach solle Rau kandidieren; wenn er gewinnt, wunderbar. Wenn es schiefgeht, gebe es ja immer noch Willy Brandt und seine SPD im Hintergrund.