Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da fuhr der Dichter mit der Eisenbahn. Es war ein langsamer Bummelzug, das gefiel dem Michael Ende, denn er hatte viel Zeit. Beiläufig überflog er die Times, hin und wieder guckte er auch entspannt aus dem Fenster. Michael Ende saß ganz allein im Abteil. Dann geschah das Wunder: Plötzlich hockte ein alter Mann dem Dichter gegenüber. Der Greis sah dem amerikanischen Filmregisseur John Huston verdammt ähnlich, stellte sich aber vor als Meister Hora. Der Name war offensichtlich ein Pseudonym. Das souveräne Auftreten des Alten, sein wissendes Lächeln, sein salbungsvoller Tonfall ließen nur einen Schluß zu: Der liebe Gott persönlich saß beim Dichter. Er war gekommen, um Ende das tröstliche und erbauliche Gleichnis von Momo und den grauen Herren zu erzählen: So beginnt „Momo“, der Film. Die Absicht ist klar: Was ein Gott dem Dichter zugeflüstert hat, das soll der Mensch nicht kritisieren.

Vor dreizehn Jahren erschien die Erzählung „Momo“, hielt jahrelang Spitzenpositionen auf den Bestsellerlisten, wurde übersetzt in 27 Fremdsprachen, erfreute und erbaute Abermillionen Leser. Die können sich ihren Liebling jetzt auch im Kino angucken; Horst Wendlandt, der Produzent, und Johannes Schaaf, der Regisseur, haben es möglich gemacht.

Das war nicht einfach, denn der Dichter Michael Ende hegt ein tiefes Mißtrauen gegen die Filmindustrie. Als Wolfgang Petersens Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ in die Kinos kam, da packte den Autor eine abgrundtiefe Abscheu angesichts dieser „Mickey-Mouse-Version“ seines Stoffes.

Das Kino ist eine hektische Maschine: 24mal Licht, 24mal Dunkel in einer Sekunde – Michael Endes Uhren gehen viel langsamer. Erst als Wendlandt ihm Mitsprache in allen Fragen des Drehbuchs, der Inszenierung und der Besetzung zugestand, stimmte Ende der Verfilmung zu. Jetzt ist „Momo“ fertig, und der Dichter freut sich: „Ich bin froh, daß Johannes Schaaf die poetische Botschaft von ‚Momo‘ erhalten hat.“ Die grauen Herren von der Filmkritik aber zürnen: Ende hat Schaafs Werk autorisiert und damit allen Versuchen, das Buch und den Film gegeneinander auszuspielen, die Grundlage entzogen.

Am Rande einer großen Stadt, in einem verfallenen Amphitheater, hauste einst Momo, das Waisenkind. Die Bewohner des Viertels mochten Momo, denn sie war recht klug für ihr Alter, konnte wunderbar zuhören und war nie frech und ungezogen. Momo war ihnen so eine Art Maskottchen. Es ging gemütlich zu in der Vorstadt – bis eines Tages böse graue Männer erschienen, Zeitdiebe, die kalte Vernunft in die Herzen der Menschen pflanzten, sie zur Hektik anhielten und Ungemütlichkeit verbreiteten: So kamen der Beton, das Plastik, der Hamburger und ähnliches Teufelswerk über die hübsche Vorstadt.

Die Vorstadt heißt Cinecittà. Der Architekt Danilo Donati hat dort ein Idyll nach Michael Endes Geschmack aufgebaut: Enge Gassen, alte Häuser, anheimelnde Fassaden. Die Atmosphäre ist südländisch, aber nicht chaotisch. Nette Italiener treffen sich in der Trattoria zum freundlichen Plausch. Schaafs Bilder wollen nach Schafskäse riechen und nach Chianti schmecken. Der Film spielt in der Gegend, wo gestreßte Nordeuropäer gerne Urlaub machen. Fantasy für die reifere Jugend. Die wilden Kinder der achtziger Jahre, die Kids aus der Bronx oder die Streuner aus den Favelas von Caracas, die hart kämpfen müssen gegen graue Herren, würden sich zu Tode langweilen. Momo fühlt sich wohl hier. Aber Momo ist auch kein echtes Kind.

Radost Bokel, ein sympathisches Mädchen aus Frankfurt, spielt die Titelrolle. Momo sieht aus wie ein Kind. Aber Momo ist überhaupt kein Wesen aus Fleisch und Blut. Der Name weist darauf hin: Momos, so nannten die alten Griechen ihre Allegorie für die Warnung und den Tadel. Momo ist die Verniedlichung, ein Allegoriechen. Michael Ende verbirgt nicht seine humanistische Bildung: Secundus Minutius Hora, so nennt er den Hüter der menschlichen Zeit, den lieben Gott, den weisen John Huston.