Von Rudolf Walter Leonhardt

Die Semper-Oper in Dresden wurde zweimal zerstört und jetzt zum zweiten Male wieder aufgebaut. Die DDR hat sich das sieben Jahre Arbeit und 250 Millionen Mark kosten lassen. Dafür ist das prächtigste Operngebäude der Welt wiedererstanden, neben dem die Mailänder Scala und die New Yorker Met kleinbürgerlich wirken. Sie ist originalgetreuer geworden als das Original, da ja Sempers Sohn, der den Bau auf genaue Anweisungen seines Vaters vollenden sollte, die Arbeit vorzeitig hatte abbrechen müssen. Dem König war das Geld ausgegangen. Er soll sich auch geärgert haben, daß für ihn kein eigener Eingang vorgesehen war.

Ein der Kunst des Baues entsprechendes musikalisches Kunstwerk auf die Bühne zu stellen, muß schwer sein; um so mehr, als die kurze Zeit es noch nicht erlaubt hat, ein Ensemble zusammenzustellen, das so hoch gespannten Erwartungen gerecht werden könnte, nicht zu reden von den dreißig oder vierzig international gefeierten Solisten, die auf Jahre im voraus ausgebucht sind.

„An jungen Männern fehlt es uns nicht“, sagte der Intendant, „da haben wir ja im Kreuzchor (wo ein Peter Schreier einmal Solo-Altist war) ein beinahe unerschöpfliches Reservoir. Aber bringen Sie mir eine junge Frau, die singen kann, und ich engagiere sie sofort.“ Dazu werde ich ein Angebot machen. Nun traf es sich so, daß während unserer Dresdener Tage die Staatsoper Berlin gastierte mit der „Hochzeit des Figaro“, einer Mozart-Oper also, die pflegeleicht und, widerstandsfähig ist und daher gern von Musikhochschulen aufgeführt wird. Rolf Liebermann ließ sie in seiner großen Hamburger Zeit von lauter Nachwuchs-Sängern aufführen, ein Erlebnis, das ich nach mehr als zwanzig Jahren noch nicht vergessen habe.

Der „Figaro“ ist nicht kaputtzumachen. Dachte ich, bis ich die Berliner in Dresden gehört hatte. Dabei gab Theo Adam einen Grafen, dem man glaubte, daß es nicht mehr so richtig ging mit den jungen Mädchen. Wie überhaupt die männlichen Stimmen zumindest adäquat besetzt waren. Aber wenn zwei der schönsten Arien einer Potsdamer Soubrette als Cherubin anvertraut werden ...

Das Weitre, das Weitre verschweige ich. Doch wissen es die Musikkritiker in aller Welt. Manche empfehlen dem Dresdener Intendanten, sein so überwältigend glanzvolles Haus vorerst nur bei geschlossenem Vorhang dem Publikum zugänglich zu machen. Eine allgemein deutsche Tendenz scheint dahin zu gehen, das, was eine Inszenierung schuldig bleibt, im Programmheft nachzulie-

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