Von Hermann Sülberg

Als wir uns das erstemal sehen, schaue ich sofort wieder weg. Es ist wie ein Reflex. Als ob einem etwas ins Gesicht klatscht. Da wird nicht lange gedacht, der Kopf nur schnell zur Seite gedreht. Automatisch.

Brigittes Anblick tut weh. Beim zweitenmal bin ich immer noch erschreckt, beim drittenmal hinschauen weiß ich nicht, ob ich ihrem Blick standhalten soll. Meine Kehle schnürt sich zu, als sie meinen Blick erwidert. Ich bin sehr unsicher, weil ich denke, sie denkt, ich starre sie an – und finde sie häßlich.

Brigitte kennt das. Jeder erschrickt, ist hilflos, hält ihrem Blick nicht stand, oder starrt sie an. Selten, daß jemand den Versuch ihres Lächelns als solchen versteht. Denn ihre linke Gesichtshälfte ist gelähmt und voller Narben. Mund und Nase sind deformiert, das linke Auge wirkt größer als das rechte – ihr Lächeln ist nur schwer zu entdecken.

Wir lernen uns in einem Hamburger Krankenhaus kennen. Sie ist vor Monaten dort hingekommen, um ein letztesmal zu versuchen, sich so operieren zu lassen, daß sie besser sprechen und besser essen kann und besser aussieht – das heißt, besser leben kann. „Es lebt sich sehr schlecht mit einem solchen Gesicht, aber ich muß mich irgendwie damit abfinden. Aber ich kann und will mich nicht damit abfinden, mich vor anderen Menschen verstecken zu müssen.“

Im September 1968 entdeckt die damals 25 Jahre alte Chefsekretärin zwischen zwei Backenzähnen im linken Oberkiefer ein weißes Bläschen. Und daneben einen kleinen, unauffälligen Knoten. Die Blase wird vom Zahnarzt aufgestochen, das andere sei nichts Wichtiges, meint er. Ein Jahr später ist daraus eine zwei Zentimeter lange und fünf Millimeter dicke Erhöhung geworden. Ein anderer Zahnarzt schickt sie zum Kiefernchirurgen, der entnimmt eine Gewebeprobe. Die Untersuchung im Labor ergibt einen Mischtumor. Der sei harmlos, wird ihr gesagt, sie solle keine Angst haben. Die hat sie auch nicht, sie glaubt daran, wenn alles herausgeschnitten ist, dann sei alles vorbei.

Für diese scheinbar kleine Operation ist ein Klinikaufenthalt erforderlich. Sie legt den Termin so, daß sie vorher noch das Oktoberfest in München besuchen kann. Brigitte heute: „Es war mein letzter lustiger Wies’n-Besuch.“ Der harmlose Mischtumor ist nun ein Chondro-Osteosarkom, eine bösartige Knorpel-Knochen-Geschwulst. Sofort wurden ihr drei Backenzähne und ein Stück Oberkiefer entfernt, im Gaumen bleibt ein zwei Zentimeter großes Loch. Und sie bekommt 25 Kobalt-Bestrahlungen verschrieben.