Auf Nelson Mandela ruht die Hoffnung der Schwarzen wie der vernünftigen Weißen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Warum die Entwicklung in Südafrika uns alle angeht? Weil zu befürchten steht, daß sich dort nach zwei Weltkriegen und dem Holocaust die letzte große Katastrophe dieses ausgehenden Jahrhunderts anbahnt.

Viele Menschen haben, als 1976 in Soweto der Schüleraufstand ausbrach, zum erstenmal von südafrikanischen Unruhen gehört. Wahrscheinlich meinen die meisten, so richtig losgegangen sei es überhaupt erst in unseren Tagen. Vom ANC (African National Congress) aber und von Nelson Mandela, dem legendären Führer der Schwarzen, von dem jetzt soviel die Rede ist, wissen nur wenige Genaueres.

Dabei ist der ANC älter als Lenins Revolution, denn er ist schon 1912, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, gegründet worden. Seine Vorbilder waren der amerikanische Kongreß und das House of Lords, dessen Gegenstück für die Häuptlinge reserviert wurde. Der ANC legte sich auch einen Speaker zu und einen Sergeant-at-Arms, der das Zepter trug. Erst in den vierziger Jahren ist diese Struktur abgeschafft und der Kongreß demokratisiert worden.

Damals wurde der 1918 geborene Nelson Mandela Mitglied des ANC, bald darauf Generalsekretär von dessen kämpferischer Jugend-Liga. Über 40 Jahre sind er, der seit 1962 im Gefängnis sitzt, und sein Stellvertreter, der heutige ANC-Präsident Oliver Tambo, der seit 1960 im Exil leben muß, eng verbunden mit dem Freiheitskampf der Schwarzen.

Sie haben die Geschichte des African National Congress gestaltet und erlitten. Sie beide sind Geist und Inspiration der Bewegung und sichern deren Kontinuität. In einem seiner Aufsätze erinnert Mandela an die frühen Massaker, die die herrschenden Weißen unter seinen Brüdern anrichteten. Zwei Stichworte: Bulhoek in der östlichen Kapprovinz, wo 1921 unter General Smuts Armee und Polizei mit Artillerie und Maschinengewehr das Feuer auf Schwarze eröffneten, die sich weigerten, ihr Land zu verlassen; 163 Tote und 129 Verwundete waren das Ergebnis. Und wenig später wurden in Bondelswart in Südwestafrika 100 Menschen getötet, weil sie es ablehnten, Steuern für ihre Hunde zu zahlen.