Von Dietrich Strothmann

Die Beziehungen des marokkanischen Königs Hassan II. zu Israel waren schon immer von besonderer Art. Zyniker mögen einwenden: was Wunder, so weit vom Schuß. Sein Vater, Mohammed ben Jussuf V., hatte die Juden seines Landes vor dem Zugriff der Vichy-Regierung geschützt, die Himmlers Jagdbefehl auch in ihrem nordafrikanischen Machtbereich durchsetzen sollte. Hassan selber hatte bereits als Kronprinz öffentlich das "jüdische Genie" beschworen, mit dessen Hilfe auch die arabische Welt zum Blühen gebracht werden könnte. Als König dann, seit 1961, ließ er zu, daß von den rund 18 000 Juden, die in Marokko blieben, viele in Wirtschaft und Wissenschaft aufsteigen, marokkanische Israelis immer wieder ihre alte Heimat besuchen konnten. Regelmäßig zum höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, schickt er seinen Kronprinzen in die Synagoge von Rabat. Hassan ist alles andere als ein Judenfeind.

Er ist auch ein gewiefter politischer Spieler, der zum eigenen Vorteil Risiken auf sich nimmt. Heimlich empfing er 1976 den damaligen israelischen Regierungschef Jitzhak Rabin, im Jahr danach stellte er einen seiner Paläste für die drei verschwiegenen Treffen Mosche Dajans mit einem Sadat-Emissär zur Verfügung, denen dann bald darauf die historische Reise des Ägypters nach Jerusalem folgte.

Was Wunder also, daß sich nun um die zweitägigen Gespräche Hassans mit dem israelischen Premier Schimon Peres die verwegendsten Spekulationen rankten: Der jordanische König Hussein, Hauptpartner der Israelis für ein zweites Camp David, sei auf dem Sprung, ebenfalls nach Marocko zu eilen. Er flog statt dessen zu seinem neuen Verbündeten Assad nach Damaskus, der Hassans Alleingang als "neuen Verrat" verurteilte und mit dem Abbruch der Beziehungen bestrafte. Der einflußreiche saudische Kronprinz Abdalla Ibn Adulasis, der sich zur selben Zeit in Rabat aufhielt, werde – so die andere Mutmaßung – Hassan Schützenhilfe leisten. Es blieb dabei, daß Riads Fernsehen nach der Abreise von Peres die enttäuschende Bilanz Hassans an sein "liebes Volk" ausstrahlte: Außer Spesen nichts gewesen.

Wunder dauern in der Dauerkrisen-Region Nahost nicht nur viel länger, sie brauchen auch den richtigen Wundertäter. Sadat war einer. Hassan leistete damals höchstens die Dienste eines Türöffners. War der Ägypter der Supermann Nummer eins, so kommt dem Marokkaner, der über sechstausend Kilometer vom Krisenschauplatz entfernt ist, nur der Rang eines zweitrangigen Supermannes zu. Er kann trotz seines Weitblicks, seines Temperaments, seines Verstandes nicht viel bewegen, kaum etwas anstoßen. Wer ist Hassan II. im Vergleich zu Hussein, zu Assad, die allein – mit Israels Bereitschaft natürlich – den seit langem blockierten Friedensprozeß wieder in Gang bringen könnten?

Doch, sie wollen oder können den Ball nicht ins israelische Netz werfen. Und Schimon Peres, noch Vorsteher einer höchst labilen Regierungskoalition in Jerusalem, darf sich nicht zu weit aus dem Fenster hinauslehnen. So war dieses nach Sadats kühnem Vortritt vor bald zehn Jahren zweite offizielle Treffen eines israelischen Ministerpräsidenten mit einem arabischen Staatsoberhaupt zwar nicht vergeblich, aber wohl doch hauptsächlich für den Hausgebrauch: Weil Peres seinem Amtsnachfolger Jitzhak Schamir von der nationalistischen Likudfraktion noch rechtzeitig den Weg zu Konzessionen und Kompromissen weisen, sich selber für den Fall vorgezogener Neuwahlen einen guten Abgang verschaffen wollte. Weil Hassan II., nach dem überraschenden Unionsvertrag mit dem Libyer Ghaddafi vom August 1984 von den verärgerten Amerikanern in den Wartesaal verbannt, mit neuer Wirtschafts- und Militärhilfe aus Washington rechnen kann. Für die eine wie die andere Vermutung mag manches sprechen, auch für die Annahme, daß erst der israelisch-marokkanische Gipfel den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ermutigt hab en mag, endlich auch den letzten Stein vom Friedenspfad mit Israel noch aus der Zeit des Vertragsabschlusses von Camp David – den Souveränitätsstreit um den einen Kilometer breiten Streifen Taba südlich von Eilat am Akaba-Golf – einvernehmlich zu räumen.

Freunde jedenfalls, so sieht es eine Woche nach der spektakulären Zusammenkunft im marokkanischen Ifrane, einem luxuriösen Feriendomizil inmitten von Zedernwäldern im mittleren Atlasgebirge, rund 160 Kilometer östlich von Rabat, hat sich der gerade 57 Jahre alt gewordene König mit seinem Alleingang nicht gemacht. Assad schäumte, Ghaddafi wütete und Abu Nidal, der palästinensische Chefterrorist, setzte Hassan sogleich an die Spitze seiner Totenliste. Freilich hatte sich der Monarch, der 1961 den Thron bestieg, noch nie sonderlich um seine Widersacher gekümmert. Oft hatte er sie einfach links liegen lassen oder ihnen, wie diesmal mit dem Rücktritt vom undankbaren Vorsitz der Arabischen Gipfelkonferenz, die Sache in königlicher Manier vor die Füße geworfen: Wenn ihr nicht wollt, ich will schon lange nicht.