Von Roland Kirbach

Ohne ihre langjährige Freundin, sagt Karin D., hätte sie das alles nicht durchgestanden. Die Nachbarn grüßen nicht mehr, und auch die Verwandtschaft ist auf Distanz gegangen. "Unser großer Bekanntenkreis ist auf vier zusammengeschmolzen. Zum Einkaufen geht Karin D. inzwischen in einen anderen Stadtteil, wo man sie nicht kennt. Wenn das Telephon klingelt, zuckt sie zusammen. Meist sind es anonyme Anrufer, die vorgeben ihren Mann sprechen zu wollen. Wenn sie dann antwortet, er sei zur Zeit nicht da, tönt es am anderen Ende stets: "Ja, der sitzt im Knast!"

Im Dezember vergangenen Jahres wurde Karin D.s Mann, ein städtischer Angestellter, wegen Bankraubes verhaftet. Karin D. hatte von dem Bankraub nichts gewußt. Und noch immer weiß sie nicht, was ihren Mann dazu veranlaßte. Denn während der Untersuchungshaft ist es verboten, bei Besuchen über die Tat zu sprechen. Wärter sitzen regelmäßig dabei, machen sich Notizen und passen auf, daß die Gesprächspartner sich nicht anfassen. Karin D. fühlt sich von ihrem Mann inzwischen entfremdet.

Als noch belastender empfindet sie jedoch die vielfältigen Diskriminierungen im Alltag. Die Boulevardpresse titulierte sie als "Gangsterbraut"; der Sportverein, bei dem sie eine Frauenfußballmannschaft trainierte, erteilte ihr Platzverbot. Zudem muß sie nun sich und die Kinder finanziell über die Runden bringen: "Es war schlimm, zum Sozialamt zu gehen und zu sagen, daß ich Geld brauche." Ihr Jüngster, der 15jährige Frank, ist "seelisch fertig". Er fühlt sich überfordert, meint, die Vaterrolle einnehmen zu müssen. Karin D.: "Er fing an, sich zu rasieren, obwohl er noch gar keinen Bartwuchs hat." Die ältere Tochter wurde unterdessen "verstockt und unzugänglich".

Kraft und Rückhalt findet Karin D. in einer Gruppe von in gleicher Weise betroffenen Frauen, die sich regelmäßig bei der Duisburger Arbeiterwohlfahrt treffen. Dort gibt es seit einigen Jahren eine Beratungsstelle eigens für Angehörige von Inhaftierten – eine Gruppe, die in der Regel von den sozialen Diensten nicht berücksichtigt wird. Zwar leisten Sozialamt, Wohnungsamt und Jugendamt gegebenenfalls Hilfe, doch ist dies jeweils nur eine "Teilberatung", wie Karin Schmidtke von der Arbeiterwohlfahrt sagt. Eine spezielle, zielgruppenorientierte Sozialarbeit gibt es bislang nur in Einzelfällen. Dabei wäre gerade sie vonnöten. Denn nach der Inhaftierung des Mannes stehen die Frauen, die in der Regel die Betroffenen sind, vor fast unüberwindbaren Problemen.

Sie haben nun für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen, sehen sich plötzlich in der Position einer Alleinerziehenden, müssen sich mit dem Strafverfahren des Mannes auseinandersetzen und haben überdies die Diskriminierung ihrer Umgebung zu ertragen. Die meisten Frauen verkraften das nicht. Sie stammen überwiegend "aus benachteiligten sozialen Schichten", so der Diplom-Pädagoge Friedrich-Wilhelm Meyer, wo in der Familie weitgehend noch die traditionelle Rollenverteilung herrscht. Selbständiges Handeln haben sie nicht gelernt. Auf die verschiedenen Rollen und Funktionen, die sie nach der Inhaftierung des Mannes übernehmen müssen, sind sie nicht vorbereitet. "Diese Frauen", sagt Karin Schmidtke, "erleben sich als Mitbestrafte."

"Mitbestraft" fühlen sich auch die Kinder inhaftierter Väter. Sie werden von Gleichaltrigen gehänselt oder gemieden. Die "soziale Verachtung", sagt die Sozialwissenschaftlerin Angelika Hessling, führe zu "schweren Schädigungen des Selbstwertgefühls". Ein Drittel dieser Kinder, so ergab eine britische Studie, leidet unter Schlafstörungen, Bettnässen und Eßschwierigkeiten. Nicht selten drängten selbst Lehrer ein solches Kind "in die Rolle eines sozialen Abweichlers".