Afghanische Glaubenskrieger und Rote Armee im erbitterten Ringen um die Frontstadt Kandahar

Von Kurt Pelda

Der neue starke Mann des Regimes in Kabul, der Doktor Nadschibullah, ist nicht besonders beliebt bei seinen Landsleuten. Sie nennen ihn „Gau“, was nicht etwa „größter anzunehmender Unfall“, sondern ganz einfach Rindvieh bedeutet. Vielen Afghanen erscheint Nadschibullahs Ernennung zum afghanischen Parteichef von Moskaus Gnaden allerdings wirklich als Katastrophe. Während in Genf Abgesandte des Kabuler Regimes und pakistanische Diplomaten bisher erfolglos um Afghanistans Zukunft und den möglichen Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen verhandeln, geht im Land selbst der Tod um. Die Auswechslung des sowjetischen Statthalters Babrak Karmal, an dessen Stelle der Arzt Nadschibullah rückte, paßt in das militärisch-politische Doppelspiel Moskaus: am Verhandlungstisch beschwichtigen, auf dem Schlachtfeld um so vehementer zuschlagen. Nadschibullah, bis vor kurzem Chef des Geheimdienstes KHAD, hat zweifellos die Mittel in der Hand, die er für eine Intensivierung des Krieges gegen die moslemische Guerilla benötigt.

Der KHAD, berüchtigt für seine ebenso brutalen wie effizienten Methoden, ist schon lange die einzige zuverlässige Waffe der Kabuler Regierung. Obwohl die Sowjets militärisch keine großen Erfolge vorzuweisen haben, bleibt der Widerstand, nicht zuletzt wegen seiner inneren Zersplitterung, politisch isoliert. Während die Politiker des Westens den Krieg am Hindukusch langsam vergessen, leiden die afghanischen Antikommunisten unter fehlender politischer Unterstützung. Nirgendwo wird das deutlicher als in Kandahar. Nach beachtlichen Erfolgen des Widerstandes werden in der zweitgrößten Stadt Afghanistans auch erste Ermüdungserscheinungen unter den aufständischen Mudschaheddin bemerkbar.

Mit dem Wort „Ismati“ läßt sich in Kandahar auch ein abgebrühter Mudschahed erschrecken. Die Ismati sind ehemalige Partisanen, die Ende 1985 mit ihrem Kommandanten Ismatullah-e-Muslim zu den Kommunisten übergelaufen sind. Mit Versprechungen, Geld und Waffen hatte der KHAD die Ismati bestochen und sie zu Verrätern an einer Sache gemacht, für die sie jahrelang gekämpft hatten. Heute stehen die Überläufer, etwa fünfhundert Kämpfer, unter direktem Kommando der in Kandahar stationierten sowjetischen Offiziere. Sie tragen keine Uniformen und werden für verschiedene Spezialaufgaben eingesetzt. Sie infiltrieren die Widerstandsgruppen und sperren die Nachschubwege der Guerilla, die vom Chaman in Pakistan nach Kandahar führen.

Quantitativ ist der Verlust der 500 Ismati für die über 20 000 Mudschaheddin in Kandahar nicht schlimm. Doch zum erstenmal seit Beginn des Krieges vor über sechs Jahren verfügen die Sowjets jetzt über Kampftruppen, die mit dem Gelände vertraut sind. Die zwei in Kandahar stationierten afghanischen Divisionen sind hier nämlich so fremd wie die Rote Armee selbst. Die auf klägliche 6000 Mann zusammengeschrumpften Regierungseinheiten bestehen vorwiegend aus Usbeken, Leute aus dem äußersten Norden Afghanistans. Die Usbeken, Menschen mit mongolischen Gesichtszügen, kämpfen hier gegen die einheimischen, südländisch wirkenden Paschtunen – ein äußeres Zeichen für den Versuch der Regierung, die verschiedenen Völker und Stämme Afghanistans gegeneinander auszuspielen.

Teuflische Feinde