Selten steht der Mensch dem Menschen so nahe wie bei den kleinen Geschäften am Bankschalter

In dieser Zeit, da der Mensch, ein Opfer fortschreitender Entfremdung, sich von seinesgleichen ständig weiter entfernt, in dieser Welt der untertemperierten Beziehungskisten, kurzum, in dieser kalten, lieblosen Welt ist einer der wenigen Plätze, wo man sich menschlich näher kommt, der Platz vor dem Schalter unserer Bank.

Mögen wir sonst von allen guten Geistern verlassen sein, uns mutterseelenallein wähnen auf der Welt, weil kein Aas sich wirklich dafür interessiert, wie’s einem geht (danke, gut!) – nie haben wir dieses schreckliche Gefühl des Alleinseins, begeben wir uns als Kunden an den Schalter der Filiale der Städtischen Sparkasse. Sie wissen es selbst, lieber Leser: Wann immer Sie der freundlichen Dame oder dem freundlichen Herrn hinter dem schußfesten Glas händeringend klarzumachen versuchen, daß doch noch was drauf sein muß auf Ihrem Konto, tun Sie es in der Gewißheit, daß hinter Ihnen einer steht, der herzlich Anteil nimmt.

Wer hätte es nicht schon einmal dankbar begrüßt, bei einem schwierigen Stand der Diskussion über seine Vermögensverhältnisse solidarische Rückendeckung aus der hinter ihm aufgereihten Schlange zu erfahren. Wer hätte es nicht schon genossen, sein kleines Bankgeschäft von staunenden, neidischen, mitleidigen, jedenfalls nicht gleichgültigen Blicken begleitet zu wissen. Und wem schließlich wäre es bei Gelegenheit nicht schon einmal schwergefallen, das in solchen Situationen nicht ungewöhnliche Angebot "Darf ich Ihnen mit einem Hundertmarkschein aus der Klemme helfen?" einfach abzulehnen.

In den heiligen Hallen der Kreditinstitute ist der Mensch ein anderer, ein besserer. Da steht der eine dem anderen noch wirklich nahe. Sogar dort, wo der Fortschritt der Technik dem Humanen Grenzen setzt, an den Geldautomaten. Kommt es doch, wie jeder gern bestätigen wird, hier immer wieder zu überraschenden Beweisen menschlicher Anteilnahme wie diesem: "Ich sehe, der Automat hat Ihre Scheckkarte geschluckt; nehmen Sie doch meine!"

Nun gibt es, das muß leider gesagt werden, Anzeichen dafür, daß solch menschenfreundliches Verhalten keineswegs allgemein hochgeschätzt wird. Mit Rücksicht auf jene, die ihren privaten Kassensturz lieber solo als in der Solidargemeinschaft aller Umstehenden abwickeln, bitten Banken und Sparkassen ihre Kunden um – wie sie es nennen – mehr "Diskretion" untereinander.

In Berlin haben kürzlich einige Institute den Versuch gemacht, dem jeweils Bedienten durch Kordeln oder farbige Wartelinien auf dem Fußboden einen gewissen Freiraum zu verschaffen. Dem Tagesspiegel, der darüber ausführlich berichtet hat, entnehmen wir, daß der Test mißglückt ist. Die Kunden, so heißt es, hätten darauf eher belustigt reagiert. Was in anderen Ländern funktioniere, lasse sich nach Meinung der Banken nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen: "Die Mentalität der Deutschen ist dafür nicht geeignet."