Im Vorwort zu der Sammlung „Tschechoslowakische Feuilletons 1976-1977“, die er „für Freunde abschreiben ließ“ – die Bücher der „Edition hinter Schloß und Riegel“ erscheinen in Auflagen bis zu dreißig Exemplaren –, schrieb Ludvik Vaculík: „Man muß sagen, daß die Freiheit des Maschinenschreibens bei uns groß ist. Daß diese Artikel in Staatszeitungen nicht erscheinen konnten? Das ist in Ordnung, sie spiegeln ja auch nicht Staatsgefühle und -einstellungen“.

Noch sechs Jahre früher, im Herbst 1971, schrieb Vaculík an den eben siebzig gewordenen Dichter Jaroslav Seifert, den späteren Nobelpreisträger: „Wenn ich alt bin, falls ich es werde, will ich, zusammen mit meinen bewährten und erfahrenen Freunden und Altersgenossen, deren Zahl sich leider durch Tod und Altersschwachsinn verringern wird, das Recht haben, mit unseren eigenen Ansichten aufzutreten. Wir wollen, wenn wir sechzig sind, eigene Organisationen haben, mit deren Kraft wir uns an der qualitativen Verbesserung des Begriffs ,Fortschritt‘ beteiligen können.“

Nun, es ist so weit, am 23. Juli 1986 ist Ludvik Vaculík sechzig Jahre alt geworden, die Lage hat sich aber nicht verändert, zumindest nicht gebessert, es bleibt bei der Maschinenschreib-Freiheit und bei der Freiheit, eigene Ansichten zu haben – die kann man keinem Menschen nehmen, geschweige denn einem Vaculík. Menschen, die Angst haben, frei zu sein, bleiben auch im vollkommensten Rechtsstaat und in jeder sozialen Position unfrei; wer wirklich frei sein will, ist es auch in einer Diktatur – wenn nicht politisch und rechtlich, dann doch menschlich.

Ludvik Vaculík trat nach dem Krieg – er war neunzehn – der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei, im Glauben, den damals viele junge Leute teilten, daß der Sozialismus die hocheffiziente kapitalistische Wirtschaft des Landes übernehmen und mit Hilfe ihrer Erträge die Arbeitsbedingungen, die Beziehungen zwischen Menschen und die ganze Gesellschaft humanisieren würde. Im Jahre 1967 beschimpfte er sich für diesen naiven Glauben als „Trottel“. Jede Kirche hat in ihren Reihen einige Menschen, die nicht auf die Kirchenoberen hören, sondern an Gott und Gottes Gesetze glauben – so auch die kirchenähnlichen kommunistischen Parteien. Ludvik Vaculík war eine Art kommunistischer Gottesmensch und hatte damit immer Schwierigkeiten – als Erzieher in einem Arbeiterjugendheim, als Rundfunkredakteur und später als Mitarbeiter der Wochenzeitung Literární noviny‚ später Literární listy und Listy, die sich immer mehr zum Organ der unabhängig Denkenden entwickelte.

Was hätte man auch anderes von einem mährischen Dickschädel erwarten können, von dem Sohn eines Zimmermanns, der Kommunist war, als es sich noch nicht lohnte, von einem erdgebundenen jungen Mann mit praktischem Verstand, der sich in Apfelsorten und Bodenarten, und Menschen und mitunter auch in sich selbst auskannte? Von einem Mann, der einige Jahre im bestorganisierten kapitalistischen Unternehmen des Landes, in den Schuhwerken „Bata“, arbeitete und dann noch die Handelsakademie, Fachrichtung Außenhandel, absolvierte? Gut, Vaculík studierte auch an der Journalistischen Fakultät der Hochschule für politische und soziale Wissenschaften in Prag, er absolvierte sie ein Jahr früher als ich, 1950. Damals war sie noch keine dogmatische Lügenschule, mit ihrer Gleichschaltung fing man erst an.

Autor der „Zweitausend Worte“

Ludvik Vaculík wurde 1968 schlagartig in Deutschland bekannt. Nicht als Schriftsteller – sein hervorragender Roman „Das Beil“ erschien in deutscher Sprache erst 1971 in Wien, sondern als Autor des Manifestes des sogenannten „Prager Frühlings“, jener berühmten „Zweitausend Worte“, auf die die große Sowjetunion, ihrem eigenen Stil treu, mit sechstausend Panzern und sechshunderttausend Soldaten antwortete.