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Von Rolf Thym

Berchtesgaden

Entsetzlich schrill rasselt die Glocke. Der Besucher scheut sich, ein zweites Mal das Klingelknöpfchen zu drücken, obwohl jetzt, nach fünf Minuten, noch niemand die schwere Eichentüre geöffnet hat. Solche Zurückhaltung liegt gewiß an der Ausstrahlung des Ortes. Wer ein Kloster besuchen will, läutet eben nicht Sturm wie der Eilpostbote.

Dabei ist es mit der Besinnlichkeit am Franziskanerplatz zu Berchtesgaden gar nicht so weit her. Rund um das unscheinbare Haus, das die Nummer fünf trägt, tobt der Verkehr durch die Innenstadt, quellen Touristen aus den Bussen. Hier nimmt kaum jemand Notiz von der schlichten Kirche mit dem schönen Namen „Zu unserer lieben Frau am Anger“. Und daß neben dem Kirchenschiff ein Franziskanerkloster steht, bemerkt der Vorbeieilende allenfalls an dem kleinen Emailleschild, dessen Aufschrift darum bittet, den Klosterparkplatz freizuhalten.

Aber so unscheinbar, wie es wirkt, kann das Kloster wohl doch nicht sein: Als – ausgerechnet zu Ostern vergangenes Jahr – die Entscheidung bekannt geworden war, das kleine Kloster in Berchtesgaden solle geschlossen werden, schlug den Oberen der bayerischen Franziskaner schon so etwas wie ein Proteststurm entgegen. Der Bürgermeister und der Pfarrgemeinderat fuhren nach München, um den Entschluß des Provinzialats rückgängig zu machen. Die Berchtesgadener Katholiken schrieben gar an einen bekannten Franziskanerpater im benachbarten Tirol – stapelweise gingen bei ihm die Briefe ein, in denen die Leute fragten, wie die Schließung des Klosters zu verhindern sei. Geholfen hat das alles nicht: Am 1. hindern wird das Kloster aufgelöst.

„Wir haben in der Provinz heute nicht mal mehr die Hälfte des ursprünglichen Personalstandes“, sagt der Mann, der die Schließung des Berchtesgadener Klosters verfügt hat. Der Provinzial Heinrich Fürst ist der Vorgesetzte der 200 Franziskaner in Bayern – und mit seinen 57 Jahren liegt er noch gut im Durchschnittsalter, das, so weiß er, „jenseits der 50-Jahre-Grenze“ liegt. Das also ist ein Teil des Problems; die Patres und Brüder in den Klöstern sind vielfach zu alt, um noch mit den Aufgaben fertig zu werden, die ihnen als Franziskaner nun einmal gestellt sind: sie gehören ja nicht zu einem Orden, der sich in aller Stille von der Welt abkapselt. Sie stehen mitten in der Seelsorge, halten Gottesdienste und müssen, wofür ihnen oft nur noch nebenbei Zeit bleibt, ihre Klöster in Schuß halten. Das Problem wird erst dann gelöst sein, so sieht es der Provinzial, „wenn der Altersaufbau wieder normal ist, wenn nicht mehr sterben, als eintreten. Bisher ist es noch andersrum“.