Was sich anfangs wie der Alleingang eines ehrgeizigen Lokalpolitikers ausnahm, ist wohl doch auf höherer Ebene ausgeheckt worden. Als der sozialdemokratische Essener Oberbürgermeister Peter Reuschenbach seinen für einen Sitz im Vorstand des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks (RWE) vorgeschlagenen Oberstadtdirektor Kurt Busch zur zweiten Wahl stempelte, ihn zur Aufgabe der Kandidatur trieb, und statt dessen den Ruhrkohle-Arbeitsdirektor Fritz Ziegler vorschlug, tat er das wohl nicht nur mit Billigung, sondern in einvernehmlichem Handeln mit der nordrhein-westfälischen SPD-Spitze. Dabei kann dahingestellt bleiben, wer die Idee geboren hat – Ministerpräsident Johannes Rau, der SPD-Fraktionsvorsitzende Friedhelm Farthmann und Reuschenbach machten sie sich gleichermaßen zu eigen.

Deshalb müssen sie auch gemeinsam mit der Schlappe fertig werden, die ihnen der RWE-Aufsichtsrat am vergangenen Freitag beibrachte. Denn er wählte keineswegs den SPD-Favoriten Ziegler, sondern den Duisburger Oberstadtdirektor Herbert Krämer, und dies im ersten Wahlgang – von den 19 anwesenden Mitgliedern des zwanzigköpfigen Aufsichtsrats stimmten 15 für Krämer. Die Gemeinden und Kreise, denen knapp ein Drittel des RWE-Kapitals gehört, die aber dank mehrfachen Stimmrechts für einen Teil ihrer Aktien die Hauptversammlung majorisieren können, hatten Krämer auf den Schild gehoben.

Solange Reuschenbach als alleiniger Akteur auf der Bühne sichtbar war, konnte er sich noch des Beifalls unbefangener Zuschauer erfreuen. Es schien zunächst, als wolle er den Filz, der das RWE und seine kommunalen Aktionäre umhüllt, ein wenig ausdünnen. Als wolle er Schluß machen mit der Übung, daß jeweils zwei ehemalige kommunale Oberbeamte Oberkreis- oder Oberstadtdirektoren – für das letzte Jahrzehnt ihres Arbeitslebens ein gutdotiertes Pöstchen beim größten deutschen Stromversorger als Pfründe erhalten.

Aber dann wurde doch klar, daß dem Ministerpräsidenten Johannes Rau und seinen Mitstreitern anderes vorschwebte. Sie wollten mit Fritz Ziegler sozialdemokratische Energiepolitik in den RWE-Vorstand einziehen lassen. Die besondere Fürsorge der Landesregierung gilt seit langem der Steinkohle. Sorgen macht aber auch die Braunkohle, die ganz überwiegend unter den Kesseln der RWE-Kraftwerke verfeuert wird. Teure Umweltauflagen haben den einst deutlichen Kostenvorsprung des Braunkohlenstroms gegenüber dem Atomstrom dahinschmelzen lassen und somit dazu beigetragen, daß die Braunkohle-Kraftwerke nicht mehr unbedingt bevorzugt eingesetzt werden.

An dieser Stelle ist es höchste Zeit, über Naivität zu reden. Haben denn Rau und Genossen wirklich geglaubt, sie müßten nur Fritz Ziegler in den RWE-Vorstand einschmuggeln, und schon werde sich das Unternehmen von der Kernkraft ab- und der Kohle zuwenden? Haben sie geglaubt, ein einzelner könne ein siebenköpfiges Vorstandsgremium, das Tag für Tag darüber nachdenkt, wie das RWE seinen Strom am billigsten produzieren kann, auf andere Maßstäbe für die Auswahl der Energieträger einschwören? Und haben sie wirklich geglaubt, ihr Kandidat Ziegler werde dauerhaft einen Kampf gegen sechs Leute führen, die nach seiner Wahl seine Kollegen gewesen wären?

Man muß diese Fragen wohl mit Ja beantworten, neben das Wort Naivität aber auch den Begriff Hybris stellen. Denn wenn eine Landesregierung und die sie tragende Partei sich anschicken, in die Geschäftspolitik eines privatwirtschaftlichen Unternehmens einzugreifen, dann gehört dazu eine gehörige Portion Überheblichkeit. Das RWE erfüllt zwar – wie andere Versorgungsunternehmen auch – öffentliche Aufgaben, aber es gehört zu beinahe siebzig Prozent privaten Anlegern, die eine angemessene Verzinsung ihres Kapitals erwarten. Da darf kein Platz sein für Überlegungen, die betriebswirtschaftlich keinen Sinn haben.

Natürlich ist das RWE ein Monopolbetrieb, dem man auf die Finger schaut, aber genau das geschieht ja auch. Die Strompreise, die das Versorgungsunternehmen seinen Haushaltskunden in Rechnung stellt, bedürfen der Genehmigung durch die jeweiligen Landeswirtschaftsministerien. Und der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister, Reimut Jochimsen, hat dem RWE gerade erst eine beantragte Strompreiserhöhung auf die Hälfte zusammengestrichen.