Von Isolde von Mersi

Das Traktat klingt streckenweise ein wenig gestelzt. Trotzdem hat es Geschichte gemacht. „Meran liegt gleichsam an der Gränze des teutschen und italienischen Klimas und vereinigt die Vorteile beider in sich“, diagnostizierte Anno 1837 der Wiener Mediziner Johann Nepomuk Huber in seiner Abhandlung mit dem langatmigen Titel „Über die Stadt Meran in Tirol, ihre Umgebung und ihr Klima. Nebst Bemerkungen über Milch-, Molken- und Traubenkur und nahe Mineralquellen“. Ein Jahr vor der Niederschrift hatte der Leibarzt der Fürstin Mathilde von Schwarzenberg seine marode Kundin auf Genesungsurlaub nach Meran begleitet – und dabei ein multifunktionales Gesundheitsparadies entdeckt.

„Von Geburt aus schwächliche oder durch Krankheit zurückgesetzte Kinder, welche gleich Treibhauspflanzen im Winter das Zimmer nicht verlassen können, würden durch einen längeren Aufenthalt hier ihre Kräfte wiedergewinnen ... Nicht minder fände die hinter dem Studiertisch erbleichte, durch sitzende Lebensart erschlaffte oder durch frühzeitige Laster zerrüttete Jugend hier neues Leben“, befand beeindruckt der Doktor Huber, auch „Brustkranke“ und „nervenschwache Personen“, speziell aber „Hypochondristen, die von Gemütsleiden Niedergedrückten“ wähnte er unter dem „wohltätigen Einfluß der Luft und der schönen Natur“ Merans bestens aufgehoben.

Meran, das in diesem Jahr seine 150jährige Existenz als Kurort mit vielen Jubelfeiern begeht, betrachtet denn auch Hubers medizinische Erkenntnisse als einen der Grundpfeiler seiner glanzvollen touristischen Karriere. Der zweite muß der damalige Bürgermeister Josef Valentin Haller gewesen sein – der kümmerte sich nämlich höchstpersönlich nicht nur um das Wohlergehen der erlauchten Dame Mathilde, sondern auch um das jedes einzelnen Gastes, er organisierte Domizile und beschaffte Trauben von Qualität, er erfand die „Fremdencommission“, die sich rechtschaffen mühte, es den Kurgästen bequem zu machen.

Das dürfte nicht gerade leicht gewesen sein in jenen Jahren. Der Stadt selber – im 14. Jahrhundert „Hauptstadt von Tirol“, nach der Übergabe der Grafschaft ans Haus Habsburg schnell zum Provinznest verkommen – haftete Stallgeruch an, der Gestank von Gerberlohe und Graukäse zog obendrein durch die Gassen, Komfort oder Vergnügungen wurden kaum geboten – zumal es eine einflußreiche Anti-Fremdenverkehrs-Kamarilla gab. Die sah in tirolisch sturer Skepsis (bereits dem aufmerksamen Medicus Huber war es nicht entgangen, daß in der Gegend „das Neue ... keinen schnellen Eingang findet“) das junge touristische Gewerbe als eine Bedrohung alter Rechte an, zusätzlich auch als Gefahr für alle Moral und Sittlichkeit. Lächerlich, aber wahr: Noch 1922 knisterten Animositäten zwischen den Bürgern – gewisser „Protektionskinder“ wegen, die im Kurbezirk der Stadt allen Vorschriften zum Trotz laut krähende Hähne halten durften, welche – so in vor Empörung entgleistem Tenor die Chronik – „in aller Frühe die Nachtruhe der Schläfer“ störten.

Penetrantes Federvieh hin, widerborstige Bürger her – der Enthusiasmus der Engagierten war genausowenig zu bremsen wie Merans steiler Aufstieg zur Mode-Kurmetropole. 1855 bereits bekam die 1850 gegründete Kurkommission den kaiserlich-königlichen Sanctus – das erste Fremdenverkehrsgremium der Donaumonarchie war geboren. Bewundernswert, was die Pioniere der Passerstadt binnen weniger Dezennien alles herbeizauberten an Requisiten für den Erholungsort: Sitzbänke und Spazierwege, Zimmer mit tapezierten Wänden, Sesselträger und ein Theaterprogramm.

Der wahre Boom begann freilich erst, als 1867 Meran durch die Brenner-Bahn Anschluß an die große weite Welt bekam. Schlagartig verdoppelte sich dadurch die Zahl der Gäste von 1200 im Jahr 1866/67 auf 2434 in der folgenden Saison. Neuerliche Rekorde bescherten die Besuche der magersüchtigen Märchen-Monarchin Sissi, die in den Wintern 1870 und 1871 jeweils für mehrere Monate einmal mit, einmal ohne Töchter erschien, stets aber begleitet vom allernotwendigsten Hofstaat – die Kurliste 1870/71 brachte unter diversen Hofdamen und Kammerdienern, Leiblakaien und -ärzten, Gouvernanten und Kammertürhütern, Boten, Köchen, Tafeideckern oder Hofreitknechten ein stolzes Gefolge von 113 Leuten zusammen. Immerhin, im Sog der Majestät stieg die Zahl der Kururlauber von 2475 (Saison 1869/70) auf 4936 im übernächsten Jahr, Meran war In-Place geworden.