„40 m2 Deutschland“ von Tevfik Başer

Turna ist eine Eingeschlossene. Von Darsun, einem türkischen Arbeiter, wurde sie nach Deutschland geholt. Und weil er der deutschen Gesellschaft mißtraut, verbietet er seiner Frau jegliche Begegnung mit der Außenwelt. Er versperrt die Tür, wenn er die Wohnung verläßt. Turna bleibt nur der Blick nach draußen: ein schäbiger Hinterhof, ein kleines Stück trister Straße, auf der die Prostituierten warten, dunkle Fenster, in denen die Mattscheiben hell flimmern. Doch es gibt einen Lichtblick für Turna: das kleine gelähmte Mädchen am gegenüberliegenden Fenster, mit dem sie durch Mimik und Gestik lebhaft „spricht“. Dann überzieht ein Lächeln ihr Gesicht, dann leuchten ihre großen braunen Augen. Darsun ist ein Despot, der sich für die Gefühle seiner Frau nicht interessiert. Er nennt sie kaum einmal bei ihrem Namen. Erst als Turna ihm sagt, daß sie schwanger ist, wird er fröhlich und ausgelassen, umfängt sie, für Augenblicke, mit Zärtlichkeit, nennt sie „meine Rose“. Turna wird von Tag zu Tag trauriger. Einmal freilich sieht man sie vehement gestikulieren, hört sie schreien: „Ich bin hier jetzt schon lebendig begraben.“ Dieser Aufschrei gilt ihrem Mann. Doch als die Kamera langsam die Perspektive wechselt, sieht man, daß sie nur zu ihrem Spiegelbild gesprochen hat. Einfühlsam hat sich der in Deutschland lebende türkische Regisseur Tevfik Başer dieser Frauenfigur genähert. Und er hat „40 m 2 Deutschland“, ein trauriges Kammerspiel, mit viel Phantasie und einem Blick für kraftvolle Bilder in Szene gesetzt. Wie sein türkischer Regie-Kollege Erden Kiral bildet er die Realität nicht platt ab, sondern integriert Traumsequenzen und Visionen. Mit Özay Fecht, einer in Berlin lebenden Jazzsängerin und Pantomimin, hat er die fast stumme Hauptrolle hervorragend besetzt. Trotz des Kammerspielscharakters sind manche Sequenzen in diesem ruhigen, sich Zeit lassenden Film nicht ohne Dramatik und Dynamik. Dann setzt Başer Geräusche ein, die die Bilder überlagern und ihnen eine zusätzliche Dimension verleihen. „40 m2 Deutschland“ ist ein Film, der niemanden unberührt läßt, so intensiv, so nah ist die Begegnung auf engem Raum. Tevfik Ba§er ist nach seinem Dokumentarfilm „Zwischen Gott und Erde“ ein schöner erster Spielfilm gelungen, poetisch und sozialkritisch zugleich. Anne Frederiksen

Sehenswert

„Fool for Love“ von Robert Altman. Kuß der Spinnenfrau“ von Hector Babenco. „Trouble in Mind“ von Alan Rudolph.