Von Marlies Menge

Die Gesprächspartner auf unserer Reise waren meist Männer. Frauen gossen den Kaffee ein, servierten das Essen. Wir redeten vor allem mit Politbüromitgliedern, Bezirksparteisekretären, Generaldirektoren, Ministern. In solchen hohen Rängen sind Frauen selten. Im Politbüro, dem wichtigsten DDR-Gremium, ist nicht eine einzige vertreten. Inge Lange und Margarete Müller sind seit dem VIII. Parteitag, also seit 1971, Kandidatinnen, werden aber wohl in Rente gehen, ohne vorher das Ziel der Klasse zu erreichen. Wer hoch hinaus will, ist auch in der DDR besser ein Mann.

Für die Frau, die wir zum Thema „Frauen in der DDR“ trafen, blieb uns kaum Zeit. Eine Stunde zwischen zwei anderen Terminen. Im Galopp mußte Frau Professor Herta Kuhrig ihr Programm absolvieren. Immerhin ist sie eine der Oberfrauen des Landes. Die Frauen sind ihr Beruf. Sie ist Vorsitzende des wissenschaftlichen Rates „Die Frau in der sozialistischen Gesellschaft“ bei der Akademie der Wissenschaften, außerdem Mitglied der Frauenkommission beim Politbüro des ZK der SED – eine Frau von Mitte 50, schmal, temperamentvoll, selbstbewußt; geübt im Umgang mit Männern, die Frauenfragen eher belächeln. Die Hamburger Kollegen nannte sie „chauvi-angehaucht“.

Doch auch die Männer in der DDR scheinen gegen solchen Hauch nicht gefeit. Herta Kuhrig hat ihn sogar am eigenen elfjährigen Enkel Thorsten entdeckt. Als sie ihn lobte, daß er sich so rührend um den kleinen Bruder kümmert, antwortete er: „Wir Männer müssen doch zusammenhalten.“ Die Generation der Väter ist oft noch schlimmer. Als studierte Marxistin zitierte Professor Kuhrig Lenin: „Kratz den Kommunisten an der empfindlichsten Stelle, an seiner Einstellung zur Frau.“ Herta Kuhrig kratzt von Berufs wegen.

Uns gegenüber zählte sie zunächst die Erfolge auf, die auch ihre Erfolge sind: Die in Verfassung und Gesetzen verankerte Gleichberechtigung: „Öffentlich ist bei uns keiner mehr ein Chauvi.“ Die Frau ist im Beruf anerkannt. Neunzig Prozent aller Frauen sind berufstätig. Über 80 Prozent der Arbeiterinnen und Bäuerinnen haben einen Facharbeiterabschluß. Meine ersten Reportagen als DDR-Korrespondentin hatte ich über Frauen in für uns ungewöhnlichen Berufen geschrieben: die Kranfahrerin, die Frau im Bergwerk, die Leiterin der Genossenschaft auf dem Lande, die Försterin, die Bürgermeisterin. Sie waren stolz, etwas zu können, was früher nur Männer konnten, aber sie hatten den Beruf nicht nur deshalb gewählt. „Es ist ein altes Argument des Westens, daß wir für die Frauen nur so viel getan haben, weil wir sie für die Produktion brauchten.“ Das ärgert die Frauenprofessorin immer noch.

Die „sozialpolitischen Maßnahmen“ scheinen dem zu widersprechen, besonders das seit dem XI. Parteitag (April 86) auch fürs erste Kind geltende Babyjahr (bezahlte Freistellung mit Arbeitsplatzgarantie). „Das ist auch keine pure Frauenfreundlichkeit“, meinte ein Bekannter, „die Babys von heute sind unsere Arbeitskräfte in 18 Jahren. Wir sind mit unseren Unterstützungen nur ein bißchen weitsichtiger als ihr.“ In den Betrieben gehört Frauenförderung zum Plan. Auf die Durchsetzung achten die Frauenkommissionen der Gewerkschaft. Er kann nicht einfach wieder abgeschafft werden. Also wird eine Frau für Monate auf eine Schule geschickt, kommt zurück und sitzt häufig auf demselben Stuhl wie vorher. „Das ist doch unwirtschaftlich“, habe ich zu einer gesagt, der es so ergangen ist. „Unwirtschaftlich schon“, hat sie fröhlich geantwortet, „aber schön.“

Von arbeitenden Frauen hörten wir immer wieder auf unserer Reise. Die Männer erzählten uns, daß zum Beispiel im Eisenhüttenkombinat Ost 37 Prozent der Mitarbeiter Frauen sind, daß über 95 Prozent der Eisenhüttenstädter Frauen berufstätig sind, daß 70 Prozent der Babys Krippenplätze haben. „Alle Muttis, die es wünschen, können ihr Kind in den Kindergarten geben“, sagte Eisenhüttenstadts Oberbürgermeister Sader. Auch Herta Kuhrig hatte diesen Ausdruck benutzt: „Was wir für unsere Muttis tun ...“ Arbeitende Frauen Muttis zu nennen – das wiederum würde sich bei uns kaum noch einer trauen. Zum Babyjahr sagte der Generaldirektor von VEB Carl Zeiss Jena, Wolf gang Biermann: „Da habe ich zwei Seelen in meiner Brust: als loyaler Staatsbürger bin ich dafür, daß die Bevölkerung wächst, als Generaldirektor sehe ich das schon wieder ganz anders ...“ Das Babyjahr bringt den Betrieben Probleme.