Nach Luther und Bismarck – nun auch Freud? Die Wiederaneignung bisher verpönter Aspekte der deutschen Kultur und Geschichte durch Wissenschaftler der DDR nimmt immer rasantere Formen an. Die Zeiten ändern sich rascher, als es die Produktion wissenschaftlicher Nachschlagewerke über die DDR eigentlich erlaubt. Galt für die Vorbereitungszeit des 1983 hierzulande erschienenen "Kulturpolitischen Wörterbuchs – Bundesrepublik Deutschland/DDR im Vergleich" (Metzler Verlag) noch, was dort unter dem Stichwort "Psychoanalyse" für die DDR notiert ist, so war zumindest eine Bemerkung – daß nämlich psychoanalytische Primärliteratur" in der DDR nicht verfügbar sei – bereits bei der Auslieferung überholt: Auf Initiative des kürzlich verstorbenen Franz Fühmann war soeben (1982) ein erster Band Freudscher Schriften im Berliner Verlag "Volk & Welt" erschienen. Der Band enthielt immerhin so bedeutende Schriften wie "Das Ich und das Es" oder "Das Unbehagen in der Kultur". Freud, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, war, knapp vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in den bis dahin für ihn versperrten Teil des deutschen Sprachraums zurückgekehrt.

Und dies war erst der Anfang: 1984 brachte DDR-Reclam ein Taschenbuch auf den Markt, das neben der Schrift über "Die Verdrängung" auch die "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" enthielt. Das Publikum griff begierig zu; binnen Jahresfrist erschien eine zweite Auflage. 1985 zog DDR-Kiepenheuer mit "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" nach, angereichert durch weitere Arbeiten Freuds zur Psychoanalyse künstlerischen Schaffens.

Begonnen hatte die Wiedereinbürgerung Freuds 1981, als zu Ehren seines 125. Geburtstages DDR-Wissenschaftler – Psychologen, Psychotherapeuten und Philosophen – ein Symposium abhielten. Zwei der anwesenden Marxisten-Leninisten – Kunzendorff und Stübe – gaben gewissermaßen den Interpretationsrahmen vor: "Zusammenfassend muß festgestellt werden, daß die Psychoanalyse auch in ihren soziologischen und gesellschaftskritischen Differenzierungen bürgerlicher Ideologie bleibt. Die Einbeziehung sozialer Komponenten (Kennzeichen der gegenwärtigen Psychoanalysediskussion in den westlichen Ländern – B.N.) und die größere verbale Anerkennung der gesellschaftlichen Existenz des Individuums sowie teilweise sozial-kultureller Determinanten der Persönlichkeitsentwicklung führt nicht zu einer Revision ihrer Grundannahme, sondern gipfelt zum Teil in einer eklektischen Diffusion."

In den jeweiligen Nachworten zu den genannten Auswahlbänden wird diese grundsätzliche Einschätzung mehr oder weniger deutlich wiederholt, ein Pflicht-Credo, das, wenn es erst einmal abgelegt ist, für den jeweiligen Autor dann die Möglichkeit eröffnet, sich differenzierter mit den einzelnen Thesen Freuds zu beschäftigen. Und dies führt dann doch zu einer teilweisen Revision des bisherigen offiziösen Freud-Bildes.

So trennen die verschiedenen Nachworte die marxistisch-leninistische Grundaussage sehr wohl von einer sachgemäßen Wiedergabe der Aussagen Freuds, die kritisch referiert werden. Soweit der DDR-Leser gewohnt ist, zwischen Litanei und Information, beziehungsweise sachlicher Kritik zu unterscheiden, erhält er einen – gemessen an früheren Zeiten – nahezu sensationell anmutenden objektiven Zugang zur "Primärliteratur", zu Freud selbst also.

Teilweise "faszinierend"

Achim Thom beispielsweise, der Herausgeber des Reclam-Bandes, weiß "Freuds Ideen" als teilweise "faszinierend" zu würdigen. Sie seien zwar immer auch zeit- und gesellschaftsgebunden (welche Ideen wären das nicht?), dies erkläre aber nicht ihre anhaltende Wirkung, "zumal auch in unserer sozialistischen Gesellschaft ein reges Interesse an vielen von der Psychoanalyse vertretenen Ideen spürbar ist". Bei aller Kritik wird dieses rege Interesse in den Kommentaren zu den neuen Ausgaben deutlich spürbar. Freud wird hoch angerechnet, daß es ihm gelang, ein therapeutisches setting zu entwerfen, das "unter der Voraussetzung einer langen und vertrauensvollen Begegnung" es dem Patienten ermöglicht, "tabuisierte Erlebnisinhalte" allmählich bei sich selbst zu entdecken, um sie dem Arzt mitzuteilen.