Oft hat ihn erschreckt und erzürnt, was er in einem langen politischen Leben erfahren mußte: „Es besteht ernsthaft die Gefahr, daß gerade das Bestreben, uns gegen jede erdenkliche Gefahr abzuschirmen, die Aussicht zunichte macht, jemals zu einem Übereinkommen zu gelangen. Das Risiko, das potentiell in jedem Abkommen steckt, muß gegen das Risiko abgewogen werden, das der uneingeschränkte, von beiden Seiten weitergetriebene Ausbau der Kernwaffen mit sich bringt.“ Averell Harriman richtete diese Mahnung an die Feinde eines amerikanisch-sowjetischen Ausgleichs in einem von der ZEIT 1971 veröffentlichten Artikel. Immer wieder erhob der alte Herr Einspruch gegen die Vorstellungen aktiver amerikanischer Politiker, die in engem Sicherheitsdenken befangen auf Konfrontationskurs zu Moskau gingen und so die Welt nur noch unsicherer machten.

Eines konnten die Falken in Washington ihrem Kritiker Harriman nie vorwerfen: Unkenntnis, des weltpolitischen Rivalen: Harriman kannte Lenin persönlich, mit Stalin traf er häufiger zusammen als jeder andere westliche Diplomat. Das revolutionäre Rußland hatte Harriman, Sohn eines Eisenbahn-Magnaten, als junger Geschäftsmann bereist; 1943 schickte Präsident Roosevelt den Reeder und Bankier Harriman, der zuvor Amerikas Wirtschaftshilfe für den englischen Kriegsverbündeten organisiert hatte, als Botschafter nach Moskau. Hier erlebte Harriman den Triumph der sowjetisch-amerikanischen Allianz und den Beginn ihres Zerbrechens. Früher als andere westliche Diplomaten warnte Harriman vor Stalins Expansionismus. Nie aber setzte der Multimillionär Harriman antikommunistische Gesinnung an die Stelle nüchterner Analyse.

Roosevelts Nachfolger Truman ernannte Harriman zum Botschafter in London, zum Handelsminister und zum amerikanischen Repräsentanten bei der Nato. Nach einem Zwischenspiel in den fünfziger Jahren – Harriman wurde Gouverneur seines Heimatstaates New York und bewarb sich erfolglos um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei – berief Präsident Kennedy den Siebzigjährigen zum Under Secretary im Außenministerium. Für Kennedy leitete Harriman die amerikanische Delegation bei den Moskauer Atomteststoppverhandlungen: Ihr erfolgreicher Abschluß nach nur 13 Tagen war die Krönung und der logische Schlußpunkt einer großen Diplomatenlaufbahn.

„Wir sind nur Menschen, den tödlichen Gefahren des Lebens und den Versuchungen der Macht unterworfen“, schrieb Harriman 1984 in der ZEIT. „Doch zugleich müssen wir gerade weil wir Menschen sind, danach trachten, unseren Kindern und Enkeln nicht Furcht, sondern Hoffnung weiterzureichen; nicht Wettrüsten, sondern Rüstungskontrolle; nicht den Tod der Erde, sondern eine bessere und sicherere Welt.“

William Averell Harriman starb jetzt im Alter von 94 Jahren in Washington. HJG