Schämen wir uns denn gar nicht mehr? Seit Monaten jeden Morgen Berichte von neuen Beschimpfungen der Menschen, die Hilfe suchend zu uns kommen. Von „Ratten“ spricht der eine Bürgermeister (SPD) und denkt an eine „Bürgerwehr“, von Konzentrationslagern der andere (CSU), „wo die Spreu vom Weizen getrennt“ werden soll, denn „heute geben wir den Asylanten Fahrräder und morgen unsere Töchter“.

Was wäre aus dem 1886 geborenen schlesischen Dichter Max Herrmann-Neiße geworden, wenn die Engländer ihn als „Ratte“, als „Teutonen“ aus Hitlers Reich abgeschoben – und nicht vor den ihn verfolgenden deutschen Landsleuten gerettet und bis zu seinem Tod 1941 im Londoner Asyl beschützt hätten? „Heimatlos“ nannte der kleingewachsene, verkrüppelte Lyriker, der einige große Gedichte geschrieben hat, eines seiner traurigen Lieder aus dem Exil: „Wir ohne Heimat irren so verloren / und sinnlos durch der Fremde Labyrinth...“

Ganze Heerscharen von Heimatlosen irren inzwischen über den Erdball, auf der Suche nach Asyl. Natürlich sind da auch Menschen darunter, die weniger in Not oder Lebensgefahr sind als auf dem Trip in ein angenehmeres Leben. Wie aber kommen Politiker und Beamte der Bundesrepublik dazu, angesichts eines Problems, das vorauszusehen war und mit Hilfe bestehender Gesetze lösbar ist, gleich nach Änderung des Grundgesetzes zu schreien und Asyl suchende Menschen zu schmähen? Denkt denn niemand mehr daran, daß deutsche Kunst, Musik, Architektur, Literatur nach der Nazi-Barbarei, also in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, kaum noch existierten, weil von Hitler und seinen Erfüllungsgehilfen hingemetzelt – wenn nicht fremde (auch ärmste) Länder die Verfolgten aufgenommen hätten?

„Werft / Eure Herzen über alle Grenzen! / Und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!“ So stimmte seinen „Emigrantenchoral“ Walter Mehring an, 1896 in Berlin geboren, 1981 in Zürich gestorben, auch da noch im Schweizer Asyl.

Was haben wir Deutschen nicht alles gelernt von Leuten, denen wir Asyl gewährten. Die Elbmarschen hinter Hamburg, das „Alte Land“, wurden von Asylanten aus Holland mit Wassergräben fruchtbar gemacht. Die Refugiés in Alt-Württemberg, die Hugenotten in Berlin, die Zuckerbäcker aus dem Tessin, die Eis-Conditoren aus Oberitalien; wie viele Techniken, wieviel, Kultur und Gesittung, wieviel schön Fremdes haben sie alle mitgebracht und uns vermacht. Und welche Wirkung auf deutsche Kunst haben die unter uns lebenden Schriftsteller, die Deutsch schreibenden Tschechoslowaken Gabriel Laub und Ota Filip, der Türke Aras Ören, der Russe Kopelew, der ungarische Komponist György Ligeti oder der Argentinier Mauricio Kagel, der argentinische Regisseur Augusto Fernandes, der persische Filmemacher Sohrab Saless!

Kein Sonderrecht für Künstler, für Schriftsteller. Doch endlich mehr Respekt vor politisch verfolgten Menschen, auch in der Wortwahl – und endlich die nötige Achtung vor einem der wichtigsten Bücher nach 1945, unserem Grundgesetz und dessen Paragraph 16, der keinerlei Einschränkung des Rechts auf politisches Asyl enthält. Doch ein Land für Asylanten scheint unsere Republik nicht zu sein – wenn das Grundrecht auf Asyl als „Gnadenakt“ gewährt werden soll, Kindern von Asylanten lebenrettende Impfungen verwehrt sind und Hunger oder drohende Folter vor Gericht „kein Auffangstatbestand zum Menschenrechtsschutz“ sind.

Schwierige, zu lang hinausgeschobene Probleme. Wer wähnt, solche Fragen „nur“ politisch oder juristisch lösen zu können, sei an Karl Krolows Gedicht „Gesang vor der Tür“ erinnert, das so beginnt: „Einer singt vor der Tür. / Doch niemand öffnet“ – und das so endet: „Erst der Jüngste Tag / Wird vor der Tür den Gesang / Zum Schweigen bringen.“ Rolf Michaelis