Trotz der Lehrstellenknappheit brechen viele Jugendliche ihre Lehre ab

Von Dirk Kurbjuweit

Corinna Dehler* aus Mülheim machte eine Lehre als Damenschneiderin – ein Handwerksberuf, doch sie kam sich vor wie eine Fließbandarbeiterin. Corinna nähte massenweise Knöpfe an, mußte stundenlang Fäden abschneiden. Ihre Freundinnen in der Berufsschule zeigten Corinna, was sie eigentlich im Betrieb hätte lernen sollen. Nach eineinhalb Jahren brach sie die Lehre frustriert ab.

Peter Schumacher*, Lehrling in einer Essener Kfz-Werkstatt, schrieb gegen Ende der Probezeit einen Brief an seinen Meister: Er bedanke sich für die Ausbildung, doch nun habe er endlich eine Lehrstelle als Gärtner gefunden. Das sei schon immer sein Wunschberuf gewesen. Peter kündigte.

Frank Martin*, der seit einem Jahr bei einer Kölner Grundstücksfirma Immobilienwirt lernte, bekam sein Gehalt nur noch mit Verzögerung. Er hörte, seine Firma sei in Zahlungsschwierigkeiten. Dann war der Chef plötzlich weg – im Ausland, hieß es. Die Firma war pleite. Frank wurde entlassen.

Karin Bahlke* aus Essen wartete eineinhalb Jahre vergeblich auf einen Studienplatz für Medizin. Schließlich begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester. Nach zwölf Monaten bekam sie einen Studienplatz. Karin wechselte vom Krankenhaus an die Universität.

Vier von insgesamt 99 000 jungen Leuten, die nach dem jüngsten Berufsbildungsbericht der Bundesregierung 1984 ihre Ausbildung abgebrochen haben. Die Zahl der Abbrecher ist angesichts der Probleme auf dem Lehrstellenmarkt erstaunlich hoch. Immerhin blieben im gleichen Jahr mehr als 58 000 Bewerber unversorgt. Bei rund 723 000 Lehrverträgen heißt das: Auf jeden siebten Abschluß kam 1984 ein Abbruch. Die Gründe für dieses Verhalten beschäftigen seit geraumer Zeit zahlreiche Wissenschaftler. Mittlerweile liegen fast zehn Studien über Lehrstellenabbrüche vor.