Von Nina Grunenberg

Vom Massentourismus ahnen die Bewohner der DDR noch nicht viel, aber was sie als erste Anzeichen davon erleben, bestätigt die Fraktion der Puristen in ihrer Meinung: "Kulturvoll" ist er nicht. Klaus Wentzel, der Direktor des bezirkseigenen Hotels "Neptun" in Warnemünde, wußte, wovon er sprach. Sein Haus ist über das Jahr hin zu 100 Prozent ausgebucht. 70 Prozent der Gäste werden ihm vom FDGB geschickt, 30 Prozent kommen aus dem "Westen" und bringen die Devisen. Ihre Zahl würde Wentzel gerne noch erhöhen, aber erstens spielt da der FDGB nicht mit, der freiwillig auf Betten verzichten müßte, und zweitens sind die Westurlauber nicht immer so brav, wie Wentzel das von den DDR-Bürgern gewöhnt ist. Manche Westler tauschen ihre begehrten D-Mark nicht höflich und ordentlich eins zu eins am Hotelschalter um, sondern wechseln schwarz eins zu vier und führen sich anschließend an der Hotelbar auf wie Graf Koks von der Gasanstalt. Mit einem verletzten Blick aus wasserblauen Seemannsaugen fragte Klaus Wentzel uns: "Ist das denn kulturvoll?"

Auch Superintendent Traugott Ohse in Bad Doberan im Mecklenburgischen macht sich seine Gedanken, wenn er die Besucherscharen sieht, die seit der Renovierung über sein prachtvolles Münster und das "wunderschöne Fleckchen Erde" herfallen, auf dem es steht: 150 000 waren es im letzten Jahr. Wenn zu viele Busse auf einmal vor dem Dom halten, läßt Ohse die Kirchentüren schließen, um den Besuchern die Muße zu bewahren. Weil Küster und Hilfsküsterin der Scharen nicht mehr Herr wurden, holte er für den Sommer Theologiestudenten nach Bad Doberan und bildete sie im Schnellkurs zu kunsthistorischen Führern aus. Früher spielte der Küster noch auf der Orgel während der Besichtigung. Das ist inzwischen nicht mehr möglich. Er hat keine Zeit mehr. "Ist das noch kulturvoll?" fragen sich Ohse und seine Mitarbeiter.

Matthias Ebert, der Direktor des Güstrower Renaissance-Schlosses, hat sich die Frage ebenfalls gestellt, aber auch gleich beantwortet: 105 000 Besucher im Jahr, sagte er entschieden, sind genug: "Mehr ist nicht zu verkraften – weder für die Besucher noch für die Kunstwerke und für das Schloß." Wie er den Zustrom der Besucher verhindern will, verriet er allerdings nicht.

Werner Noth, der Direktor der Wartburg-Stiftung, beklagte sich nicht über die halbe Million Besucher, die jährlich durch die Lutherburg geführt werden; das war nach der Renovierung zu erwarten gewesen. Doch was ihn oft ärgert, ist das Benehmen der Touristen. Sie sind nicht vorbereitet, kommen müde auf der Wartburg an und benehmen sich undiszipliniert. "Ist das kulturvoll?" Da lobte er sich die Besucher aus der Sowjetunion, die noch "eine andere Einstellung zu Museen haben": "Bei denen kommen Rüpeleien nicht vor."

Dem Westdeutschen rühren diese Kulturklagen wie ein Märchen aus uralten Zeiten ans Herz. In der DDR mag zwar jedermann wissen, was eine Gemeinschaftsgesellschaft ist, aber die Gesetze der Massengesellschaft müssen sie erst noch lernen.