Hannover: „Walter Dahn. Zeichnungen, 12 Skulpturen.“

Große runde Mauseohren, quadratisch der Kopf, einem Pekinesen ähnlich, der wurstige Leib eines Dackels, vier Striche – vier Beine. Ein großes Fragezeichen. Titel der Zeichnung, lakonisch: „Tier und Fragezeichen“. Andere Werke zeigen „Selbst in der Waschmaschine“ oder „Kopf mit Bratpfanne“ oder „Hand, Haus (theoretisch)“ –, womit wir einige Arbeiten zitiert hätten, die nun wirklich nur noch mit Mühe irgendwie verständlich sind. Was übrigens im Sinn des Kölner Künstlers ist. „Sich herauszunehmen, daß alles erlaubt sei, auch Irreführung und Zynismus beispielweise, ... ist ein plausibles und wichtiges Bedürfnis“, heißt es dazu im Katalog. Feiner, gelehrter liest man andernorts von der „Krise der Interpretation“. Was natürlich kein Grund ist, es nicht doch zu versuchen. Notizen aus dem Tagesablauf, vom Maler mitgeteilt, helfen: Nachts, müde, erschöpft von der Arbeit setzt er sich zu Hause an einen kleinen Tisch. Der Kopf ist benommen, kaum mehr zu gebrauchen für bewußtes Denken. Auf dem Tischchen liegen alte Briefe, Couverts, nicht mehr gebrauchtes Papier. Auf sie zeichnet nun der Beuysschüler, folgt den Bildern, die ihm in den Kopf schießen, malt sie immer wieder leicht abgewandelt. Später werden ausgewählte Zeichnungen zu Vorlagen für die großen Gemälde, auch für die Skulpturen. Vieles entsteht so in der Nacht. Dahns Vorsatz lautet: Bilder malen, die deutlich lesbar sind „wie ein Verkehrszeichen“. Zeichen ja, aber wofür? Diese Frage läuft in die Irre. „Reinzuhauen“ in den ganzen Betrieb, kindisch, pubertär sein, absichtlich, das hat keinen besonderen Zweck. Erfolg hatten Walter Dahn und die anderen Künstler der Mülheimer Freiheit. Nur wirklich ernst nehmen will ihn keiner, und so wird aller Schwierigkeit zum Trotz doch interpretiert. Aus dem Epigonen des deutschen Expressionismus, des Surrealismus, machte man den „neuen Wilden“ langsam zu einem schwersinnigen Nachfolger der Romantik. Im tolldreisten Übermut entdeckte man Sehnsucht, Reflexion in dem heftigen Treiben auf der Leinwand. Und der Maler, auch er hält die Nonsense-Strategie nicht durch, liebäugelt mit dem Übersinnlichen. Denn wer weiß, woher die Bilder nachts kommen. Sie sind es schließlich, „die gemacht werden wollen“, sagt das Medium. Fragt sich nur: Glaubt der Maler das nun wirklich? Oder tut er nur so? Als Schlußwort sein Kommentar: „Jemand, der nicht transzendiert in der Kunst, der ist für mich auch kein guter Künstler...“ (Sprengel Museum bis zum 24. August. Katalog 20 DM.)

Elke von Radziewsky

Stuttgart: „Joannis Avramidis. Zeichnungen“

Avramidis ist Plastiker. Er war das nicht immer, seine Lernzeit in Wien begann er mit dem Studium der Malerei, sein Interesse für die Aktzeichnung, für die Probleme von Plastizität und körperlicher Darstellung brachte ihn zur Bildhauerei und zu Fritz Wotruba. In den späten fünfziger Jahren dann steht er mit einer Figur auf eigenem Boden. Es ist eine zur Vertikale gebundene Kunstgestalt mit welligem Profil, die Avramidis auch zu schlanken Säulen aufeinanderstellt und zur Körperwand verbindet. Ein konstruktiv entwickeltes Menschenbild. Die Stuttgarter Ausstellung der Zeichnungen – die sich durch eine sehr knappe Auswahl von plastischen Arbeiten ergänzt – zeigt aber nur ganz nebenbei den Konstruktionszeichner Avramidis, vielmehr einen Künstler, für den die Arbeit mit den graphischen Mitteln ein Agens, eine Kontrolle und Erweiterung seines bildhauerischen Tuns ist. Wenn man meint, daß er mit einer zur Formel geklärten Figurenvorstellung die Natur hinter sich läßt, dann täuscht man sich. Mit der größten Genauigkeit stellt er seine Fragen, geht die feine Zeichenspur der Oberfläche des Körpers und seinen Funktionen nach. Insistierend beschreibt Avramidis, wie eine Figur steht. Das Stehen, die aufrechte Haltung verdichtet sich gleichsam zum idealen Gehalt eines Begriffs von Figur. In seiner Konzentration auf den plastischen Ausdruck und die bedeutende Form scheint Avramidis nur ein geringes Interesse für das menschliche Gesicht und Innenleben zu haben, doch gibt es auch den Porträtisten, die Selbstporträts, die Bildnisse der Mutter (auf Papier und in Bronze), die vielen gezeichneten Bildnisse der Freunde, die den Meister von Maß und Proportion als einen einfühlsamen Beobachter zeigen. Es gibt schließlich die Gruppe der Spital Zeichnungen, in denen er ohne Sentimentalität und Beschönigung Krankheit und Todesnähe schildert. Und bei alldem deutet sich an, daß die zeitlosvollkommene, unpersönliche und unnahbare Figur, die Avramidis als Plastiker geprägt hat, für ihn kein Dogma ist. (Staatsgalerie, Graphische Sammlung bis 10. August; Katalog 25 Mark.)

Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen