Von Thomas V. Randow

Dicke Leute haben meist dicke Eltern, dicke Geschwister, dicke Onkel und dicke Tanten. Also liegt Dicksein in der Familie – folgern wir daraus, und alle wissenschaftlichen Untersuchungen geben uns darin recht. Ist übermäßige Leibesfülle eine ererbte Bürde?

Darüber streiten nach wie vor die Gelehrten, die sich der Fahndung nach biologischen oder psychischen Ursachen der „Adipositas“ (neulateinischer Medinzinerjargon) verschrieben haben. Denn nicht jede Familieneigenschaft muß genetisch bedingt sein. Manche gute oder schlechte Angewohnheit übernehmen Kinder von ihren Eltern nur deshalb, weil diese halt ihr Vorbild sind.

Für Dickleibige ist es nicht nur eine akademische Frage, ob sie mit ihren Fettpolstern eine Erblast tragen. Eine Angewohnheit läßt sich wieder abgewöhnen, eine von Genen gesteuerte Eigenschaft hingegen ist – bis jetzt noch – nicht korrigierbar. Unzählige fehlgeschlagene Versuche, das üppige Körperfett dauerhaft abzuhungern, machen, den Betroffenen die zweite Alternative zunehmend wahrscheinlicher – und treiben sie schließlich in die Resignation.

Die Vererbung-Umwelt-Kontroverse wird bei der Suche nach dem Adipositasauslöser mindestens so heftig geführt wie unter den Intelligenzforschern. Hier wie dort steht für die Entscheidung, so sie einmal gefällt werden mag, nur die Statistik zu Gebot. Sie ist es denn auch, die beim nature-nurture-Zwist stets ins Schußfeld der Kontrahenten gerät. So auch jüngst im New England Journal of Medicine.

Das renommierte amerikanische Fachblatt hatte Anfang des Jahres mit einem außerordentlich überzeugend klingenden Untersuchungsergebnis Zeitungsschlagzeilen wie „Dicksein ist erblich“ provoziert. Überzeugend war nicht nur die Methode der Studie, sondern auch die kompetente Autorenschaft von sieben Adipositas-Spezialisten, darunter der weltweit bekannte Psychiatrieprofessor an der Universität von Pennsylvanien, Albert J. Stunkard.

Möglich gemacht hatte diese Forschungsarbeit der glückliche Umstand, daß die dänischen Behörden in den Jahren 1924 bis 1947 ein recht ausführliches Adoptionsregister geführt haben. Darin sind alle Adoptionen dänischer Kinder erfaßt, sofern diese nicht mit ihren Adoptiveltern blutsverwandt sind. Registriert sind hierin auch die biologischen Eltern des Adoptivkindes. Darum konnten die Forscher im stets aktuellen dänischen „Folk Register“ die Anschriften der noch lebenden Adoptierten, deren leiblichen und deren Zieheltern ermitteln. Sie alle erhielten einen Gesundheitsfragebogen, den weit mehr als die Hälfte der Angeschriebenen brav ausfüllte. Danach wurden 540 – inzwischen erwachsene – adoptierte Personen in vier Gewichtsklassen eingeteilt, in „dünn“, „normalgewichtig“, „übergewichtig“ und „adipös“. Vergleiche mit den Gewichts- und Größenangaben der Eltern ergaben für die leiblichen Mütter eine enorm große Übereinstimmung mit ihren Söhnen und Töchtern in allen Gewichtsklassen, eine nicht ganz so große, jedoch immer noch höchst signifikante Parallelität bei den Erzeugern, jedoch keine über eine Zufallsverteilung hinausgehende Übereinstimmung bei den Adoptiveltern.