Von Marianne Gebauer

Lissabon schwingt sich – angeblich – über sieben Hügel. Aber diese magische Zahl ist im heutigen Häusermeer nicht mehr auszumachen. Sicher ist nur, daß Lissabon ein einziges Auf und Ab von Gassen und Gäßchen, von Treppen und Treppchen ist und daß derjenige, der sich diese Stadt zu Fuß erobern will, schon Bergsteigerkondition haben müßte, wären da nicht die Eléctricos oder – auf gut englisch – die Trams: Ihre gußeiserne Maschinerie ist „made in England“ und weist unter ihrem Herzstück, der Kurbel in der Fahrerkabine, ein Patent aus Queen Victorias Zeiten auf: 1898!

Wie ein Heer unermüdlicher Ameisen durchpflügen die Trams vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein die Straßenschluchten aller älteren Stadtbezirke. Manche der Eléctricos sind noch im alten Gelb der Vorkriegszeit, andere aber, und zwar die Winzlinge unter ihnen, leuchten in den verwegensten Popfarben. Wie Knallbonbons wirken sie inmitten der Patina der vor sich hin bröckelnden Stadt und fahren munter Reklame für „Cornetto“, „Maria Ciaire“, die „Alliance Française“ bis hin zu so rein portugiesischen Errungenschaften wie das berühmte „Diärio de Noticias“. Schwerstarbeit leisten sie und vor allem ihre Fahrer. Die Meisterschaft, mit der diese die Zähmung der Widerspenstigen immer wieder neu bewerkstelligen, grenzt ans Wunderbare. Da wird gekurbelt und gedreht, gestampft und gepreßt, aus dem Wagen gesprungen und schnell mit einem Strick irgend etwas Loses festgeschnürt. Nichts, aber auch gar nichts scheinen Fahrer, Kontrolleur und Gäste aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen. Diese unfaßbare Gelassenheit überträgt sich dann auch unweigerlich auf den Fremden.

Am besten beginnt man eine Stadtrundfahrt per Tram am Chiado – Lissabons Montmartre und Fleetstreet in einem –, wo alle eindrucksvollen Linien zusammenlaufen. Und damit man hemmungslos auf- und abspringen kann, kauft man sich einen Touristenpaß für 900 Escudos (etwa 14 Mark). Er gilt sieben Tage und auch für Busse und Metro, die aber der Tram-Fan natürlich kaum benutzen wird. Denn das Tramfahren kann im Handumdrehen zu einer Leidenschaft werden.

Nehmen wir zur Einführung die Linie 24 Richtung Alfändega. Sie startet an der Carmo-Kirche, und so haben wir gleich Gelegenheit, die letzten Reste gotischer Spitzbögen zu bewundern, die das Erdbeben von 1755 übrigließ. Die Kirche wirkt auch als Ruine noch großartig. Ihr Dach ist der blaue Himmel.

Wir rattern nur drei Minuten mit der Tram steil bergan, dann müssen wir schon wieder aussteigen. Vor uns liegt auf einer Terrasse ein ungemein stimmungsvoller Park, in dessen Mitte ein bronzener kleiner Zeitungsjunge eine Ausgabe des Diário de Notícias unterm Arm hält. Vom Miradouro (Aussichtspunkt) São Pedro de Alcantara genießt man den schönsten Blick, den es auf das Kastell São Jorge, die Mouraria und die Alfama gibt. Die Sightseeing-Busse machen hier nicht Station. Nur ein paar Leute kommen von der Praça dos Restauradores per Cablecar herauf. Hier nämlich ist auch die Bergstation dieser zusätzlichen Kuriosität auf dem Gebiet der Lissaboner Massentransportmittel: Die Stadt besitzt drei ständig überfüllte Cablecars.

Gleich gegenüber dem Aussichtsplatz ist eine Institution zu finden, die, hat man sie nur ein einziges Mal betreten, einen unwiderstehlichen Sog ausübt: das portugiesische Portweininstitut. Von außen sieht das Haus so ehrwürdig-verschlissen aus wie fast alle Häuser dieser Stadt. Mit dem Schritt durch die Glastür jedoch ist man in einer anderen Welt. Die Luft ist kühl, das Licht gedämpft, die Atmosphäre von wohliger Eleganz; die Gäste reden nicht, sie plaudern. Man versinkt in einem tiefen Fauteuil und sucht sich aus den mehr als hundert Portweinsorten auf gut Glück die mit den klangvollsten Namen aus. Sie schmecken alle, benebeln alle und sind spottbillig obendrein: Von 35 Escudos (etwa 50 Pfennig) an kostet das Glas.