Kürzlich gab es in Rom eine Arbeitstagung der RAI über den Gebrauch von Computern beim Entwerfen des Fernsehprodukts, und natürlich war eines der meistdiskutierten Themen das der Erstellung von Drehbüchern. Ein Problem, das heute von vielen Seiten studiert wird, erst neulich sprach ich an dieser Stelle von den Experimenten der Informatiker mit computerproduzierten Geschichten. Wenn es darum geht, eine Reihe von narrativen Situationen zu kombinieren, so daß verschiedene Treatments dabei herauskommen, und wenn es aus kommerziellen Gründen sehr viele Treatments zu produzieren gilt (etwa für Serials), kann der Computer nützlich sein.

Besorgte Zeitgenossen denken nun aber sofort an neuerdings aufgekommene andere Initiativen (von denen viele interessant und recht unterhaltsam sind), nämlich an die Programme zur Herstellung von Gedichten. Und hier beginnen die Sorgen. Immer öfter passiert es, daß Leute, und keineswegs nur naive, bei Diskussionen nach Autorenlesungen den betreffenden Autor fragen: „Haben Sie Ihre Sachen eigentlich mit dem Computer geschrieben?“

Machen wir ein kleines Spielchen. Schreiben wir die zwei Verse: „Es kömmt die Nacht mit ihrem Schmerz“ und „Aufgehest du, Sonne, Ruhm des Morgens“. Gewiß, Hölderlin hätte es besser gemacht, aber Geduld. Werfen wir jetzt eine Münze, Kopf oder Zahl, und ordnen die beiden Verse in der vom Zufall gegebenen Reihenfolge. Zwei Distichen sind möglich, eines davon ist ein Lob der Hoffnung, das andere ein pessimistischer Seufzer. Aber das Spiel funktioniert nur, weil ich mir zwei passende Verse ausgedacht habe. Hätte ich die beiden Verse gewählt: „Als unseres Lebens Mitte ich erklommen“ und „Das Fräulein stand am Meere“ (und niemand wird leugnen, daß sie als Verse gar nicht so schlecht sind), wäre in beiden Fällen nur ein Sinn herausgekommen, und zwar ein ziemlich banaler. Mit einem guten Programm könnte ich dem Computer befehlen, mehr als zwei Verse zu mischen, aber was herauskäme, bliebe in jedem Fall davon abhängig, was ich eingespeist hatte. Zudem: Bei vier Versen wäre die Zahl der Permutationen vierundzwanzig, bei sieben jedoch schon fünftausendvierzig (und bei zehn dreieinhalb Millionen). Selbst wenn der Computer mir alle Versionen ausdrucken würde, wie sollte ich sie alle lesen und die eine auswählen, die mir am besten gefällt?

Paul Eluard hat einmal ein Gedicht mit dem Titel „Liberté“ geschrieben, das aus einundzwanzig Strophen zu je vier Versen besteht, von denen jeweils die ersten drei mit „sur“ beginnen und der vierte gleichbleibend lautet: „j’écris ton nom.“ Nach der ersten Niederschrift hätte Eluard einen Computer anweisen können, einundzwanzigmal je drei mit „sur“ beginnende Verse, gefolgt von einem „j’écris ton nom“, aneinanderzureihen. Dann.hätte er die Leerstellen ausgefüllt und im ganzen vielleicht eine halbe Stunde gespart. Aber niemand würde behaupten, die Maschine habe ihm die Ideen geliefert. Nanni Balestrini hat Anfang der sechziger Jahre multiple Gedichte mit einem IBM-Computer produziert. Aber das Resultat war exzellent, denn Balestrini war bereits ein Meister der poetischen Collage und hatte Materialien gewählt, die sich für multiple Kombinationen eigneten. Daher ist ein Gedicht wie „Mark 1“ ein Gedicht von Balestrini und nicht vom Computer. Dasselbe gilt für die Werke von Raymond Queneau.

Der Computer arbeitet schnell. Nehmen wir an, ich schreibe den Satz: „Wie schön, heute ist ein herrlicher Tag.“ Von Perfektionismus getrieben, frage ich mich, ob es nicht besser wäre zu schreiben: „Heute ist ein herrlicher Tag, wie schön“, oder: „Heute, wie schön, ist ein herrlicher Tag“, oder auch: „Ein herrlicher Tag (wie schön!) ist heute.“ Dann warte ich, daß ein Stilkritiker wie Gianfranco Contini die Kritik der Varianten betreibt. Ich könnte die sieben Worte in einen Computer einfüttern, und er würde mir fünftausendvierzig Kombinationen liefern. Aber ich müßte sie allesamt lesen, müßte die sinnlosen aussondern (zum Beispiel die Variante: „Wie heute ein herrlicher schön ist Tag“ – es sei denn, ich hätte sublimerweise gerade diese gesucht) und müßte mich entscheiden, welche mir am besten gefällt. Fünftausendvierzig Kombinationen lesen heißt zweihundertvierzig Bildschirme durchlaufen lassen. Ich käme schneller auf traditionelle Weise ans Ziel, mit Papier und Bleistift, einer Zigarette, einem Kaffee und der Katze auf den Knien. Mein Hirn würde gleichfalls Kombinationen probieren, wie der Computer, aber ich würde, wenn auch langsamer vorgehend, wählen.

Was tut andererseits ein Erzähler, der an einem guten Plot interessiert ist? Er hat zwei Personen in Szene gesetzt, zum Beispiel das Liebespaar Renzo und Lucia, und überlegt, ob er sie gleich heiraten lassen soll. Wenn sie gleich heiraten, ist der Roman gleich zu Ende oder wird ein anderer Roman. Das wäre schade. Also probiert der Erzähler sich vorzustellen, was sie am Heiraten hindern könnte. Und ob sie, wenn sie nicht heiraten könnten, glücklich wären. Und ob sie, wenn sie nicht glücklich wären, das Hindernis zu überwinden suchen oder resignieren würden.

Doch hätte dieser unser Erzähler Manzoni geheißen, so hätte er dem Computer zu viele Variablen einfüttern müssen, nicht nur die narrativen: Er hätte sich auch gleich beim ersten Satz des ersten Kapitels fragen müssen, ob es besser wäre zu schreiben: „Jener Arm des Corner Sees“ oder Jene Verzweigung des Lario“, und an welchem Punkt er am besten mitteilen sollte, daß jener Arm sich verengt. Und er hätte Serien von Seelenzuständen für jede seiner Personen einspeichern müssen. Selbst angenommen, er wäre fähig gewesen, all diese Variablen zu programmieren, so wäre Manzoni noch heute dabei, das Programm zu schreiben, oder auf die Resultate zu warten, und selbst wenn er die Resultate sofort aus Don Ferrantes Mega-Computer erhalten hätte, brauchte er immer noch ein paar Milliarden Jahre, um sie alle auszuwerten. Armer Alessandro, und wie arm wären auch wir Leser dran! Trotzdem kann uns das Spiel mit der mechanischen Kombinatorik manchmal dazu bringen, über die Mechanik unseres Hirns nachzudenken.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso.