Von Gunter Péus

In der politischen Diskussion der Freien und Hansestadt Hamburg, besonders unter den Landespolitikern und Wirtschaftsleuten, hat der Begriff „Standortpolitik“ zur Zeit höchsten Stellenwert. Angesichts des härter werdenden Konkurrenzkampfes der bundesdeutschen Großstädte untereinander um Industrieansiedlungen und kulturelle Attraktivität, um Arbeitsplätze vor allem, steht die Stärkung Hamburgs als Außenwirtschaftsplatz an erster Stelle aller Konzepte und Aktionen. Und ein Blick zurück mag bei den einen oder anderen vieleicht so etwas wie Wehmut aufkommen lassen: Vor hundert Jahren sahen sich die Hamburger nämlich noch unangefochten an der Spitze des europäischen Außenhandels.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Hamburg die führende Handelsstadt auf dem Kontinent und nach London die zweitgrößte Hafenstadt. In nur vier Jahren, von 1846 bis 1850, verdoppelte sich der Warenumschlag im Hafen, und fast so schnell stieg die Zahl der Schiffe, die unter Hamburger Flagge fuhren. Die rote Flagge mit den weißen Hamburger Türmen war international so bekannt, daß sich ein preußischer Kapitänleutnant 1858 in Asien fragen lassen mußte, ob dieses Preußen mit der unbekannten Flagge wohl der Hansestadt Hamburg tributpflichtig sei. 1845 gab es 393 deutsche Handelsniederlassungen im außereuropäischen Ausland, darunter allein 277 aus der Hansestadt.

Nur mit Afrika kam der Handel langsam in Gang: Dort saßen zur selben Zeit nur elf deutsche Handelsniederlassungen, neun davon allerdings gehörten hanseatischen Firmen. Als Vorreiter unter ihnen fällt damals das Handelshaus Carl Woermann auf, ja, es wird noch eine bedeutende Rolle beim Erwerb des Kolonialbesitzes des deutschen Kaiserreichs spielen und dabei profitieren wie kein anderes. Welche Spuren Adolph Woermann, der Sohn des Firmengründers, in Afrika hinterließ, darum geht es in dem jüngst erschienenen Buch

Renate Hücking/Ekkehard Launer: Aus Menschen Neger machen. Wie sich das Handelshaus Woermann an Afrika entwickelt hat; Verlag am Galgenberg, Hamburg 1986; 200 S., 24,– DM.

Nach einer Reihe populärwissenschaftlicher Untersuchungen zur deutschen Kolonialpolitik (vgl. DIE ZEIT Nr. 16/1985) macht diese Erstveröffentlichung eines jungen Verlags pars pro toto den Versuch, an Hand der Geschichte eines einzelnen Unternehmens offenzulegen, wie Europäer ausbeuterische koloniale Strukturen über die vorhandene, bis dahin für die lokalen Gemeinschaften funktionierende Subsistenz- und Binnenhandelswirtschaft gelegt und diese damit gefesselt haben. Aus Menschen wurden „Neger“ gemacht, nämlich nach dem Verständnis der Profiteure willfährige und billige Kulis für die neuen Handelswege und Monokulturen. Das lag freilich an der Zeit, und man sollte auch nicht übersehen, daß zum Beispiel nicht einmal die Kirche irgend etwas gegen solche Ausbeutung der Neger einzuwenden hatte, jedenfalls zunächst nicht.

Die „Neger“, das waren in erster Linie Träger, die, in immer größerer Zahl und nicht selten unter Zwang aus den Dörfern rekrutiert, Lasten bis zu 50 Kilogramm über Hunderte von Kilometern zu schleppen hatten, Straßen- und Plantagenarbeiter ohne jede soziale Sicherung und Soldaten im Sold einer ihre Macht rigoros ausübenden Besatzungsmacht. Es waren aber auch Häuptlinge und einheimische Händler, die durch materielle, jedoch nach europäischen Wertmaßstäben geringe Vergünstigungen dazu gebracht wurden, gegen die Interessen ihrer eigenen Landsleute zu handeln. Schließlich arbeiteten sie, unter Ausschaltung der einheimischen Zwischenhändler, als Agenten der europäischen Handelsmonopole.