Sie wollten ein Zeichen setzen. 368 Frauen und Männer ließen die Öffentlichkeit am vergangenen Wochenende wissen: „Wir kaufen keine Früchte aus Südafrika.“ Und weil „Apartheid tötet“, forderten die Inserenten der Süddeutschen Zeitung einen „wirksamen Wirtschaftsboykott Südafrikas als letztes gewaltfreies Druckmittel“.

Noch zögern die westlichen Industrienationen, solchem Ratschlag zu folgen. Beinahe vier Jahrzehnte haben sie vergeblich auf den friedlichen Wandel im einzigen Apartheid-Staat der Welt gewartet. Doch nun scheint ihre Geduld bald am Ende zu sein. Südafrikas Premier Willem Botha muß erstmals ernsthaft mit einem Wirtschaftsboykott rechnen.

Selbst die Front seiner wenigen verbliebenen Freunde bröckelt. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan wird sich dem massiven Druck seines Kongresses beugen müssen, der nicht länger zusehen will, wie die Schwarzen unterdrückt und ausgebeutet werden. Amerika verlangt Härte. Ähnlich ist die Lage in Großbritannien. Regierungschefin Margaret Thatcher muß sich überlegen, ob sie nach dem Verlust der Sympathie von Königin und Königreich nun auch noch das gesamte Commonwealth verspielen will, nur um Botha dadurch vor einem Handelsembargo zu retten. Allein der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl steht noch treu zu den Buren: „Ich bin nach wie vor gegen Wirtschaftssanktionen“, verkündete er nach dem Europäischen Gipfel Ende Juni.

Die Bundesrepublik und ihre Unternehmen sind Südafrikas wichtigste Wirtschaftspartner. Die Deutschen rangieren im Außenhandel des Landes nach den Vereinigten Staaten und Japan an dritter Stelle. Als Lieferanten sind sie sogar die Ersten. Allerdings sind die deutschen Exporte 1985 um rund ein Viertel zurückgegangen, in den ersten fünf Monaten dieses Jahres sogar um fast ein Drittel. Immerhin: 7500 deutsche Firmen treiben mit Südafrika Handel. 5700 sind mit eigenen Handels- und Vertriebskontoren präsent. 283 haben sogar eigene Zweigwerke aufgebaut, darunter sind viele Multis – Bayer, VW, Hoechst, Daimler-Benz, AEG, Krupp, Mannesmann und Siemens. Die Direktinvestitionen betragen etwa acht Milliarden Mark.

Die Deutschen sind so etwas wie Vorbilder: Sie zahlen höhere Löhne als vorgeschrieben und leisten zusätzliche freiwillige Sozialleistungen.

Es gibt freilich auch eine Kehrseite der deutschen Geschäftigkeit am Kap. Die ist in den Berichten des UN-Sozialausschusses dargestellt. Danach unterstützen die Deutschen direkt und indirekt die von Südafrikas Gnaden herrschende illegale Regierung Namibias, einst Deutsch-Südwest. Und das südafrikanische Militär profitiert zwangsläufig von dem, was die deutschen Firmen am Kap produzieren. Auch geht das – bisher freilich durch nichts bewiesene – Gerücht um, deutsche Firmen stünden insgeheim bereits unter Kriegsrecht und seien damit zu besonderem Wohlverhalten gegenüber Pretoria verpflichtet.

Selbst der Ruf der deutschen Banken ist ins Zwielicht geraten. Nach internen Untersuchungen des Weltkirchenrats haben bundesdeutsche Kreditinstitute 1982 bis 1984 mindestens 48 Anleihen im Wert von 1,2 Milliarden Dollar für Südafrika aufgelegt; das sind 63 Prozent aller internationalen Anleihen. Und in bisher unveröffentlichten Studien des Freiburger Bergstraesser Instituts heißt es: „Es besteht der Eindruck, daß sich neben schweizerischen Großbanken vor allem auch deutsche Großbanken seit 1985 im Wartestand befinden, um die (durch amerikanischen Kreditstopp) entstehende Kreditlücke aufzufüllen.“ Es wäre nicht das erste Mal, daß Deutsche sich beeilen, den Platz einzunehmen, den andere aus Rücksicht auf die politische Moral freigemacht haben.