Von Heinz Josef Herbort

Den Besuchern des Festspiel-Konzerts verschlug’s den Atem: Während sie sich, nach Mozart und Beethoven, auf eine Klaviersonate von Schubert einrichteten, trat ein Mann in Lodenmantel, Jeans, Pullover und Turnschuhen aufs Podium, sagte lakonisch: „Die Kuh lebt“ und benutzte die prompt ausbrechende allgemeine Heiterkeit dazu, ein bißchen für die noch folgenden Konzerte und den Festival-Almanach zu werben. „Vor allem sind uns weitere Sponsoren willkommen.“ Der Lässige erwies sich als der Intendant dieses Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Er habe, hatte es in einer Ankündigung vor dem Konzert geheißen, einen Unfall gehabt, sei mit einer Kuh kollidiert – nun wollte Justus Frantz „die Tierfreunde beruhigen“. Auf einer engen Brücke sei ihm ein entgegenkommender Pferde-Transportwagen in die Wagenseite gefahren, im Anhänger habe aber eine preisgekrönte Kuh gesteckt – der sei jedenfalls nichts passiert ... „und nun viel Freude beim zweiten Teil des Konzertes mit Stefan Vladar und Schuberts B-dur-Sonate.“

So unkonventionell wie hier in der Scheune von Hasselburg bei Neustadt an der Ostsee geht es fast überall zu bei diesem Festival, das sich der Initiator gewünscht hat als „frei von Etikette und großer Garderobe“, ohne „finanzielle oder gesellschaftliche Hemmschwellen“, als ein „Fest für alle“. Wieso will Justus Frantz, der selber als Pianist in der ganzen Welt zu Hause sein kann, ausgerechnet in Schleswig-Holstein fast schon alternativ zu nennende und trotzdem künstlerisch erstklassige Festspiele aufziehen?

Nun, schleswig-holsteinisches Blut fließt durchaus in seinen Adern – wenngleich ein wenig preußisch verdünnt: Eine Urgroßmutter stammt aus dem Geschlechte der Rumohr (eine der großen R-Familien des Landes, neben den Rantzaus und Reventlows), sie brachte durch ihre Heirat Schleswig-Holstein nach Schlesien. Eine andere Linie verweist ins Baltikum. Am Ende des Zweiten Weltkrieges freilich kehrten die Frantz’ nach Schleswig-Holstein zurück: Aus Schlesien flüchtend, kamen sie bei entfernten Verwandten auf Testorf unter, einem jener zahlreichen „Herrenhäuser“, die noch heute vom Glanz (und natürlich auch Elend) des schleswig-holsteinischen Feudalismus künden.

Nicht dabei: Der Vater von Justus. Denn den Oberstaatsanwalt Frantz, der die Grausamkeiten der Nationalsozialisten genau mitbekam und in einer gewissen Naivität ganz offen in Berlin protestierte, auch einen Nazi verurteilen half, der einen Juden ermordet hatte – ihn hatte man in eine Bewährungskompanie versetzt, aus der er zwar am 22. Dezember 1943 hatte entlassen werden sollen, aber just an jenem Tage „fiel“ er; über die Herkunft der Kugel gibt es nur inoffiziell „Vermutungen“. Die Witwe nannte darauf ihren fünf Monate später geborenen Sohn Justus („der Gerechte“).

Der wächst einerseits unbeschwert in der ländlichen Idylle auf, geht in die einklassige Volksschule in Hausuhr, kommt dann auf die Kieler Gelehrtenschule; möchte andererseits – Folge der Vaterlosigkeit und des Generationenkonflikts mit der „ziemlich links eingestellten“ Mutter, die noch heute, achtzigjährig, in Brokdorf demonstriert und die Festival-Gegner unter den Grünen zur Raison bringt – „etwas mit Politik machen“, und noch in den ersten Semestern hört der Student die Vorlesungen Carl Friedrich von Weizsäckers und engagiert sich in der „Jungen Union“.