Von Ulrich Greiner

Der Ausdruck seines ernsten, männlich schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; trotz des tiefdunklen Sammets seiner Augen glänzte in ihnen ein ruhiges, wohltuendes Feuer; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Farbe seiner Haut war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.“ (Karl May, „Halbblut“)

Der Indianer, der dort unten vor einer senkrecht emporsteigenden Felswand stand, trug Jeans und ein blaues Hemd, das sich über einen beträchtlichen Bauch spannte, und auf dem Kopf hatte er buntgefärbte Federn, wie man sie während der Karnevalszeit bei Karstadt kaufen kann. Der Ausdruck seines breiten, rundlichen Gesichtes war keinesfalls römisch zu nennen, und das Feuer in seinen Augen mußte vor langer Zeit erloschen sein. Es war nicht Winnetou, der Häuptling der Apatschen; es war Reuben A. Snake, der Häuptling der Winnebago, und er kam nicht aus Sachsen, Deutschland, sondern aus Nebraska, USA.

Der Häuptling der Winnebago kniete sich nieder, um die Friedenspfeife am Lagerfeuer zu entzünden. Ein Stammesgenosse, auch er trug Jeans und ein offenkundig vom Waschen eingegangenes und verblichenes T-Shirt, schlug in gleichförmigem Rhythmus auf eine große Trommel und sang dazu ein Beschwörungslied zum Himmel empor, um den Beistand des Großen Manitu zu erbitten, für den Freundschaftspakt zwischen der Stadt Bad Segeberg, Schleswig-Holstein, und dem Stamm der Winnebago, Nebraska, USA. Seine Stimme war überraschend hell und hoch, sie klang gepreßt und durchdringend, ein melodisches Geheul, das sich zwischen den Tönen seinen Weg suchte, einen jahrhundertealten Weg wahrscheinlich, und der Gesang, der hartnäckig und gleichmütig in endlosen Wiederholungen gegen die Felswände der Arena von Bad Segeberg hallte, schien aus Zeiten zu kommen, da die Indianer über weite Prärien ritten und noch nicht in Supermärkten Bierdosen kauften.

Der Indianerhäuptling nahm die Friedenspfeife und blies ihren Rauch nach Norden, Osten, Süden, Westen. Der Trommler trommelte und sang, und drei andere Indianer tanzten, indem sie gemächlich mit den Füßen stapften und die Körper wiegten. Vom blauen Himmel blickte der Große Manitu schweigend herab. In der Arena rutschten die Kinder unruhig auf den Holzbänken hin und her, zerkauten ihr Eis am Stiel und pulten mit ihren Fingern in Papptellern, wo braune Pommes frites und rotes Ketchup einen netten kleinen Matsch bildeten.

Von hier oben betrachtet war die Arena mit ihren Kalkfelsen und ihrer kreisrunden Bühne eine jener analen Örtlichkeiten, die Arno Schmidt in seinem Buch „Sitara und der Weg dort hin“ bei Karl May gnadenlos entlarvt hat. Auch mit dem Hintergrund, einer sich verengenden, mit Buschwerk bewachsenen Felsspalte wäre Arno Schmidt äußerst zufrieden gewesen. Aus dieser geheimnisvollen Spalte, wie Karl May sie sicherlich genannt hätte, galoppierten nun, lange erwartet und doch überraschend, mit wildem Geschrei Reiter hervor, hinter sich eine Postkutsche, die in die Arena einschwenkte und in einem steilen Bogen zurück wollte, plötzlich aber, während Sand nach den Seiten spritzte, umkippte. Heftiges Gejohle auf den Rängen. Die Karl-May-Spiele 1986 hatten begonnen.

*